22.06.2026 | Ben Kaden
Zu Raffaela Kunz: Between democratization and instrumentalization: A constitutional perspective on open science. In: International Journal of Constitutional Law, 2026;, moag057, https://doi.org/10.1093/icon/moag057
Eine zentrale Frage aller Transformationsprozesse lautet: Was kommt als nächstes? Dies betrifft auch die Entwicklungen im Bereich von Open Science. Die Antwort auf diese Frage liegt nicht allein bei den an diesen Prozessen aktiv beteiligten Akteuren, sondern wird maßgeblich von den Rahmenbedingungen beeinflusst.
Ein neuer Aspekt, mit dem wir uns auch als Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg befassen, besteht im Verweis auf die geopolitische Lage und eine damit heraufziehende neue Perspektive auf die Rolle von Open Access und Open Science. Open Access und Open Science könnten in Konflikt mit regional- und nationalpolitischen Interessen der Forschungssicherheit, Datensouveränität sowie Innovationsverwertung stehen.
Diese Diagnose wiederum berührt nur eine von vielfältigen Strategien, Wissenschaft als Struktur, Praxis, Label und Erzählung vorrangig vor dem Horizont wissenschaftsexterner Interessen zu deuten und zu instrumentalisieren. Die ursprünglich sehr idealistische Emanzipations- und Teilhabebewegung von Open Access und Open Science ist davon selbstverständlich nicht ausgenommen.
In einem aktuellen Aufsatz konstatiert die in Zürich lehrende Rechtswissenschaftlerin Raffaela Kunz für die Gegenwart die Notwendigkeit, Wissenschaft als autonome und an epistemischer Rationalität und internen Verfahren orientierte Praxis zu sichern und verbindet dies mit einer verfassungsrechtlichen Dimension. Sie diagnostiziert, dass politische, ökonomische und strategische Handlungslogiken von außen auf die Funktionslogik der Wissenschaft einwirken.
Eine Politisierung von Wissenschaft erfolgt beispielsweise in der Gegenwart, so ihre Perspektive, nicht unbedingt durch staatliche Zensur von Veröffentlichungen. Vielmehr spielen heute Nützlichkeits- und Produktivitätserwartungen an die Wissenschaft eine zentrale Rolle. Individuen, die innerhalb des Systems arbeiten, werden sich dem kaum entziehen können. Daher plädiert die Autorin für ein institutionelles Verständnis der Wissenschaftsfreiheit, die aktuell als individuelles Freiheitsrecht geregelt wird.
In Bezug auf Open Science konstatiert sie eine Entwicklung von einer communitygetriebenen Emanzipationsbewegung zu einem Steuerungsinstrument der Wissenschaftspolitik, das die genannten Tendenzen aufgreift und verstärkt. Neben dem normativ-ideellen Anspruch, wie ihn zum Beispiel die Berliner Erklärung formulierte, tritt also eine in sich verflochtene Konstellation von ökonomischen, politischen und technologischen Stakeholdern, die Open Science nutzen, um ihre Interessen zu priorisieren.
Der Anspruch von Openness – freier Zugang, breite Teilhabe und Demokratisierung von Wissen – wird von Nützlichkeits- und Innovationserzählungen und Wettbewerbsstrategien überlagert. Dies geschieht schon deshalb, weil die Lösungen für die digitale Wissenschaft und ihre Werkzeuge oft kommerziell und daher mit der für digitale Kommunikation typischen Plattform- und Verwertungslogik gestaltet werden. Zieht man Querverbindungen zum Plattformkapitalismus und digitaler Governance, wird deutlich, wie schwierig es sein dürfte, die Autonomie der Wissenschaft mit den aktuellen verfassungsrechtlichen Bedingungen zu sichern.
Dazu kommen sicherheitspolitische Überlegungen und Vorbehalte, wie der Schutz sensibler Forschung, die Verhinderung eines Technologieabflusses, das Abblocken wissenschaftlicher Spionage, die Steuerung internationaler Kooperation oder auch das Management des Dual-Use-Potentials von Forschungsergebnissen. Viele der Bedenken berühren allerdings nicht allein Open Science, sondern den Kern von Wissenschaft, die im Gegensatz zur Auftrags- und Industrieforschung seit jeher auf einen kommunikativen Austausch zwischen Peers setzte.
Folgt man einer systemtheoretischen Perspektive, wie sie auch Niklas Luhmann entwickelt hat, lässt sich die Situation vereinfacht so beschreiben:
Diese drei Entwicklungen beeinflussen wissenschaftliche Arbeit und schwächen ihre Autonomie als eigenständiges Teilsystem.
Die von Raffaela Kunz beschriebenen Verschiebungen wirken in zweifacher Weise auf die Wissenschaft zurück: Externe Akteure und Agenden steuern gerade in einer stark auf Projekte und Drittmittel setzenden Wissenschaftslandschaft, welche Themen und Projekte erforscht und wie sichtbar werden.
Gleichzeitig müssen Forschende ihr Handeln an diesem Rahmen orientieren. Sichtbarkeitserwartungen erfordern Plattformpräsenz, während quantitative Metriken den Publikationsdruck steuern. Die Plattformen erfordern eine Ausrichtung an ihrer algorithmischen Popularisierungslogik, während zugleich die auf Zitationsindizes setzende Forschungsbewertung den bereits vor Jahrzehnten beklagten Zwang verstärkt, in bestimmten Zeitschriften mit hohem Impact zu veröffentlichen. Dabei geht es mittlerweile nicht nur um die Reputation unter den Peers, sondern vor allem auch um den forschungsexistentiellen Zugang zu Ressourcen.
Zugleich steuern im Publikationsbereich nach wie vor kommerzielle Großverlage und Plattformdienste, welche Wissenschaft wie sichtbar wird. Gold Open Access, also Gebühren- bzw. APC-Modelle, löst das Problem kaum und verlagert nur die Teilhabehürde vom Lesezugriff zum Veröffentlichungszugang.
Aus der Analyse dieser Entwicklungen leitet die Autorin die Notwendigkeit ab, den Kern der Wissenschaft als von externem Erwartungs-, Ver- und Bewertungsdruck weitgehend autonome Handlungspraxis über verfassungsrechtliche Mittel mit einem strukturellen Korrektiv zu stützen und zu schützen. Die aktuelle Ausgestaltung der Wissenschaftsfreiheit als Individualschutz für die Forschenden ist ihrer Meinung nach unzureichend. Vielmehr braucht es einen verfassungsrechtlichen Schutz des Wissenschaftssystems als gesellschaftlicher Institution.
Im Kern plädiert sie für eine Lösung, die die Möglichkeiten der Instrumentalisierung von Wissenschaft durch politische und wirtschaftliche Kräfte weitgehend begrenzt. Dabei kann offene Wissenschaft bzw. Open Science eine zentrale Rolle spielen, wenn sie diese Lösung unterstützt. Als Beispiel führt der Aufsatz Diamond Open Access, scholar-led Publishing sowie die Idee digitaler Gemeingüter (Commons) an. Darüber hinaus legt der Aufsatz nahe, dass die Open-Science-Bewegung ihre durchaus ambivalente Rolle bei den beschriebenen Entwicklungen aktiv reflektieren sollte. Eine weitere Maßnahme, die durch Open Access und Open Science unterstützt werden könnte, wäre die Absicherung einer Sichtbarkeitsvielfalt, die auch die Heterogenität und epistemische Pluralität innerhalb der Wissenschaft spiegelt. Dies schließt die Betonung von Bibliodiversität und Multilingualität ausdrücklich ein.
Weitere Säulen einer in ihrer Autonomie gesicherten Wissenschaft sind eine Umstellung der Forschungsbewertung von quantitativen auf qualitative Verfahren sowie der Ausbau der Grundfinanzierung, was der Wissenschaft Planungssicherheit und größere Unabhängigkeit von kurzfristigen Agendaverschiebungen bei den Mittelgebern gibt. Zudem sollte die Verwertbarkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen in kommerziell ausgerichteten KI-Modellen stark reguliert werden.
In Rekurs zur Eingangsfrage, was der nächste Schritt für die Entwicklung von Open Science sein könnte, zeigt sich also vor allem die Renaissance der Idee von Open Science als Gegenmodell. Der Gegenpol ist dabei jedoch nicht mehr die Verschlossenheit der Wissenschaft und die Zugangsbarrieren zu ihren Inhalten, sondern die Instrumentalisierung ihrer Ziele, Narrative und Konzepte durch Markt, Politik und digitale Aufmerksamkeitsökonomien.
Die nächste Entwicklungsstufe von Open Science besteht daher nicht mehr primär in der Öffnung von Zugang, sondern in der Sicherung institutioneller Autonomie wissenschaftlicher Kommunikation und Infrastruktur.
Vor diesem Hintergrund lassen sich aus der Argumentation konkrete Implikationen für die Praxis mitnehmen.
Für die Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg (VuK) ergeben sich vor diesem Hintergrund wichtige Impulse, die wir auch auf die Weiterentwicklung unseres Arbeitsprogramms reflektieren werden. Sie schließen an vielen Stellen nahtlos an die in unseren Austauschformaten diskutierten Themen an:
Alle fünf Vorschläge folgen derselben Grundidee: Open Access und Open Science nicht nur als Instrumente der Öffnung, sondern als Mittel zur Sicherung wissenschaftlicher Autonomie zu verstehen.
Ein zentrales Motiv bei Raffaela Kunz ist die Frage nach der institutionellen Autonomie der Wissenschaft. Für die VuK könnte daraus folgen: Open Access und Open Science sollte nicht primär als Zugangsmodell, sondern als Infrastrukturfrage gedacht und behandelt werden.
Als praktische Konsequenzen ließen sich folgende Punkte ableiten:
Die Leitfrage für dieses Themenfeld lautet: Wer kontrolliert die Publikationsinfrastrukturen und damit, wie Wissenschaft kommuniziert wird?
Sie tritt an die Stelle der lange für Open Access zentralen Frage: Sind die Inhalte frei zugänglich?
Wenn bei Open Access und Open Science die Gefahr besteht, dass sie unter Umständen ähnliche Konzentrationsprozesse reproduzieren, wie die, die sie ursprünglich überwinden wollten, erscheinen entsprechende Ausgleichsangebote sinnvoll.
Beispiele sind:
Einige Punkte sind bereits in der Open-Access-Strategie des Landes Brandenburg und in Maßnahmen der VuK, insbesondere dem Publikationsfonds für Open-Access-Monografien berücksichtigt.
Generell lässt sich aber als Leitlinie nochmals deutlich unterstreichen: Offene Wissenschaft bedeutet nicht nur Zugang, sondern auch Vielfalt.
Es zeichnet sich ab, dass der eingangs erwähnte geopolitische Aspekt in der näheren Zukunft eher noch wichtiger wird.
Für die VuK wäre eine naheliegende Konsequenz, dass Wissenschaftspolitik und -verwaltung nicht defensiv und mit einer Beschränkung auf die Debatten zur Forschungssicherheit reagieren, sondern mit uns und weiteren Stakeholdern gemeinsam strategisch Lösungen entwickeln, die es ermöglichen, die Grundelemente offener Wissenschaft mit den sich neu ergebenden Anforderungen an Forschungssicherheit zu verbinden.
Denkbare konkrete Maßnahmen wären:
Das Ziel ist die Vermittlung der Perspektive, dass Open Access und Open Science nicht im Gegensatz zu Forschungssicherheit stehen, sondern dass es darum geht, den Anspruch der Offenheit mit den Anforderungen an Forschungssicherheit kompatibel zu machen.
Open Access und Open Science sind keine linearen Entwicklungen. Sie stehen und wirken immer in spezifischen Kontexten. Wie gut offene Wissenschaft die Ziele eines besseren Zugangs, einer größeren Teilhabe und einer qualitativ besseren Wissenschaft einlöst, hängt immer davon ab, wie der Kulturwandel in Maßnahmen übersetzt wird bzw. übersetzt werden kann. Deutlich ist, dass Open Access und Open Science nicht per se normativ „gut“ sind und zu optimalen Lösungen führen. Sie durch Spannungen sowie Interessen- und Zielkonflikte gekennzeichnet. Die entsprechenden Akteure und damit auch die VuK, sollten dies reflektieren. Spannungsfelder wie Verwertungs- und Kontrollinteressen, die erwähnte Forschungssicherheit, die Frage der Plattform-, Infrastruktur- und Softwareabhängigkeiten und der Leistungsfähigkeit und -grenzen nicht-kommerzieller bzw. europäischer Alternativen gehören ebenso zu dieser Debatte, wie die Auseinandersetzung mit den Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz.
Die VuK kann in unterschiedlichen Formaten gemeinsam mit ihren Stakeholdern daran arbeiten, diese Spannungen zu beschreiben, aufzuschlüsseln und mögliche Positionen zu entwickeln. Das realistische Ziel sind an dieser Stelle nicht eindeutige Lösungen, sondern ein Verstehen und die Möglichkeit, darauf aufbauend, fundierte und informierte Entscheidungen zu treffen.
Ging man lange Zeit davon aus, dass Open Access und Open Science das Ziel der Verbesserung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Kommunikation haben, lässt sich aus der Argumentation von Raffaela Kunz etwas anderes ableiten:
Open Access und Open Science können dabei helfen, Wissenschaft gegenüber externen Steuerungslogiken zu schützen.
So senkt Diamond Open Access den mit wissenschaftlicher Teilhabe verbundenen Ressourcendruck auf individueller Ebene. Scholar-led Publishing schafft im Idealfall marktunabhängige Publikationsangebote bei gleichbleibender Qualität in Bezug auf die Anforderungen der wissenschaftlichen Kommunikation. Offene Infrastrukturen und insbesondere auch offene Standards und technische Kompatibilität reduzieren Plattformabhängigkeiten und unterstützen die Dynamik neuer Lösungen. Bibliodiversität spiegelt und pflegt die epistemische Vielfalt in der Wissenschaft. Commons und entsprechende Lizenzen schützen vor der Monopolisierung von wissenschaftlichem Output.
All dies unterstreicht, dass Open Access und Open Science nicht nur Zugänge senken und Transparenz schaffen können, sondern auch, dass sie auf unterschiedlichen Ebenen – individuellem und institutionellem Handeln, Infrastrukturen und Services, Lizenzrecht – sehr konkrete Rahmenbedingungen schaffen können, die die Autonomie von Wissenschaft schützen.
Rückt man also das Ziel der Absicherung einer Wissenschaftsfreiheit bzw. -autonomie ins Zentrum des Kulturwandels um Open Access und Open Science, kann die VuK als brandenburgische Landesinitiative aktiv darauf hinwirken, dass entsprechende Zielpunkte bei der Infrastruktur-, Service- und Strategieentwicklung an den Hochschulen des Landes verankert werden. Das entspricht weitgehend der Entwicklung, die die Open-Access-Strategie des Landes Brandenburg aus dem Jahr 2019 beschreibt. Um sie als Leitdokument für die Gegenwart und nähere Zukunft aktuell zu halten, müsste man sie vermutlich nur etwas anpassen und erweitern.