01.07.2026 | Jonas Hantow
Ein Bericht aus dem mit der Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg assoziierten Projekt und Datenkompetenzzentrum WiNoDa (Wissenslabor für Naturwissenschaftliche Sammlungen und objektzentrierte Daten).
von Jonas Hantow (ORCID: 0000-0002-1936-415X)
„So offen wie möglich, so geschlossen wie nötig.“
Dieser Satz wird in Open-Science-Kontexten so häufig zitiert, dass er fast selbst wie eine Lösung klingen kann. Das ist er aber nicht. Er ist jedoch ein sehr guter Ausgangspunkt. Die eigentliche Arbeit beginnt meistens im zweiten Teil des Satzes: Was genau ist nötig? Wer entscheidet das? Und nötig für wen?
Auf der BiblioCon 2026 (19.-22. Mai 2026, Berlin) diskutierten wir diese Fragen in unserem Hands-on-Lab „Zwischen FAIRness und Verantwortung: Wertesensible Ansätze für die Open-Science-Beratung“. Der Workshop richtete sich insbesondere an Personen aus Bibliotheken, Datenservices und Forschungsinfrastrukturen, die Forschende bei der Publikation von Daten, Objekten und Quellen beraten. Ausgangspunkt war ein aus der Beratungspraxis sehr vertrautes Spannungsfeld: Open Science fordert dazu auf, Forschungsdaten, -quellen und -materialien nahezu unbeschränkt auffindbar, zugänglich, interoperabel und nachnutzbar zu machen (FAIR). Gleichzeitig gibt es Fälle, in denen vollständige Offenheit nicht möglich, nicht angemessen oder schlicht ethisch nicht verantwortbar ist.
Besonders deutlich wird das in objektzentrierten und datenintensiven Disziplinen. Ein digitalisiertes Museumsobjekt ist nicht einfach nur eine Datei. Archäologische Daten sind nicht einfach nur Koordinaten. Historische Quellen sind nicht neutral, nur weil sie alt sind. Sie können mit Personen, Communities, Kulturgütern, gefährdeten Fundorten, schutzbedürftigen Arten, Interessen von Forschenden und Institutionen oder konfliktreichen Geschichten verbunden sein.
Die FAIR-Prinzipien helfen uns, über technische und infrastrukturelle Qualität nachzudenken. CARE, entwickelt für Indigenous Data Governance, ergänzt eine wichtige ethische und politische Perspektive: kollektiver Nutzen, Kontrolle und Verantwortung. Zugleich hat CARE einen spezifischen Ursprung und einen spezifischen Zuschnitt. Die Prinzipien beziehen sich auf indigene Kontexte. Viele der dort formulierten Anliegen sind auch für andere Zusammenhänge relevant, sollten aber nicht verallgemeinert werden, als wären alle sensiblen Fälle gleich.
An dieser Stelle kann der Ansatz des Value Sensitive Design als zusätzliche Linse dienen, um die Bewertung sinnvoll zu erweitern. Im vorliegenden Zusammenhang sprechen wir dabei vom „wertesensiblen Publizieren von Forschungsdaten“. Der Ansatz ersetzt weder FAIR noch CARE. Er hilft vielmehr, ergänzend und genauer zu klären, worum es aus ethischer Sicht bei einer konkreten Publikationsentscheidung geht. Welche Werte sind betroffen? Welche direkten und indirekten Stakeholder müssen mitgedacht werden? Welche Wertekonflikte werden sichtbar? Und wie lassen sich diese Konflikte in praktische Entscheidungen zu Workflows, Metadaten, Lizenzen, Zugriffsstufen oder Infrastrukturen übersetzen?
Im Workshop haben wir dies anhand von drei fiktiven, aber realitätsnahen Anwendungsfällen erprobt.
Unser erster Fall behandelte fiktive Grabungsdaten aus Göbeklitepe. Dabei würden historische handschriftliche Listen digitalisiert, mit OCR Volltext erschlossen und mit FAIR-Metadaten angereichert werden. Aus Open-Science-Perspektive klingt das zunächst absolut begrüßenswert. Aber was passiert, wenn die Daten präzise Koordinaten von konkreten Fundstellen enthalten? Was, wenn eine Veröffentlichung Plünderungen erleichtert? Was, wenn diese Daten und die daraus abgeleiteten archäologischen Interpretationen lokale kulturelle Narrative überlagern? Wie lassen sich hier wissenschaftliche Erkenntnisziele und mögliche politische Ansprüche austarieren? In solchen Fällen treffen Werte wie Transparenz, Reproduzierbarkeit und Nachnutzbarkeit auf den Schutz von Kulturgütern, den Erhalt von Fundorten und Schutz archäologischer Quellen. „Open“ kann in diesem Fall bedeuten: Metadaten sichtbar machen, den Datensatz dokumentieren und kontextualisieren, Zugangsbedingungen abstufen, also entsprechend nicht alles von vornherein in maximaler Auflösung und Präzision veröffentlichen.
Unser zweiter Musterfall drehte sich um sakrale Objekte aus Lateinamerika in einem deutschen Museum. Hochauflösende 3D-Digitalisate stünden zur Publikation bereit, einschließlich Informationen zu Maßen, Materialien und historischen Beschreibungen. Mindestens ein Objekt wäre jedoch in einem bestimmten Ockerton gefasst, der in der Herkunftsgesellschaft aus religiösen Gründen von Frauen nicht gesehen werden soll. Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich: Werte beziehen sich nicht nur auf Privatsphäre oder den Schutz einzelner Personen. Auch kulturelle Regeln können schutzbedürftig sein. Gleiches gilt für religiöse Praktiken, Community-Wissen und Beziehungen zwischen Forschenden, Institutionen und Herkunftsgesellschaften. Wie lassen sich in diesem Fall die Ansprüche von Wissenschaft und vielleicht auch der Allgemeinheit an einen umfassenden offenen Zugang mit eventuellen kulturellen Tabus vereinbaren? Und in naturwissenschaftlichen Sammlungen müssen wir vielleicht noch weiter denken: Informationen über Brutplätze geschützter Vogelarten können sensibel sein, weil dadurch sensible Lebensräume betroffen sein können. Selbst sehr wohlmeinende Freizeitvogelkundler*innen könnten in so einem Setting zum gravierenden Störfaktor werden. Eine wertesensible Publikation braucht daher eine konzeptionelle ethische Differenzierung, die über „personenbezogene Daten“ hinausreicht. Dies ist umso relevanter, wenn Text- und Data-Mining-Verfahren mit automatisierten und KI-basierten Zusammenfassungswerkzeugen weitreichende Triangulierungen von Datenquellen ermöglichen.
Unser dritter Musterfall behandelte digitalisierte Bücher aus der Kolonialzeit des Deutschen Reichs. Hier wirkt es zunächst so, als stünden Open Access und notwendige Kontextualisierung einander gegenüber. Sollten rassistische Abbildungen, diskriminierende Begriffe und imperiale Narrative frei zugänglich und sogar nachnutzbar gemacht werden, was eine CC-BY-Lizenzierung ermöglichen würde? Die hilfreichere Frage lautet aus unserer Sicht: Unter welchen Bedingungen ermöglicht ein offener Zugang eine kritische Auseinandersetzung, anstatt Schaden zu reproduzieren? Kontextualisierung sollte nicht als Hindernis für Offenheit verstanden werden, sondern als eine ihrer Ermöglichungsbedingungen. Nutzende erhalten so die Möglichkeit, aber auch die Verantwortung, sich kritisch mit dem Material auseinanderzusetzen. Infrastrukturen können sie dabei unterstützen: durch Nutzungshinweise, Provenienzinformationen, erläuternde Metadaten, Begleittexte, Lehrmaterialien oder Verweise auf aktuelle Forschung.
Das verändert auch den Blick auf Lizenzen. In vielen Open-Access-Kontexten ist CC BY die scheinbar naheliegende und wünschenswerte Wahl. Bei sensiblen historischen Quellen, Objekten oder Bildern kann eine restriktivere Lizenz wie CC BY-ND jedoch in bestimmten Fällen besser dazu beitragen, dekontextualisierte oder irreführende Bearbeitungen zu verhindern. Das heißt nicht, dass CC BY-ND immer die richtige Antwort ist. Es heißt nur: Auch die Lizenzwahl ist eine wertesensible Entscheidung.
Eine wichtige Unterscheidung tauchte in der Diskussion immer wieder auf: Open Access für Forschungsarbeiten und Open Access für Quellen sind nicht dasselbe. Ein Zeitschriftenartikel, ein interpretierter Datensatz, ein 3D-Scan eines sakralen Objekts, eine koloniale Fotografie und eine präzise Fundstellenangabe zu einer geschützten Art unterliegen unterschiedlichen Voraussetzungen von Offenheit. Sie so zu behandeln, als gälte für alle dieselbe Logik, macht Beratung einfacher, aber nicht besser, sondern erhöht das Potenzial für unangemessene oder sogar böswillige Nachnutzungen.
Was nehmen wir aus der Veranstaltung mit?
Genau das ist der wichtigste Punkt. Kontext, Einschränkungen und Sorgfalt sind keine Gegner von Open Science. In vielen Fällen sind sie das, was Open Science überhaupt erst möglich macht.