23.06.2026 | Ben Kaden
Zu: John R. Helliwell (2026): Crystallography in Open Science and its open educational resources. In: Acta Crystallographica Section A, 82. https://doi.org/10.1107/S2053273326004146
Ein häufig formulierter Anspruch bei der Gestaltung von Open-Access-, Open-Science- und Forschungsinfrastrukturen ist die Berücksichtigung disziplinärer Besonderheiten. Für Open-Science-Professionals ergibt sich daraus die Herausforderung, fachliche Kommunikationskulturen hinreichend zu verstehen – eine Aufgabe, die angesichts der Vielfalt wissenschaftlicher Disziplinen kaum vollständig leistbar ist. Umso wichtiger sind fachinterne Verständigungen über Anforderungen an Offenheit und die entsprechenden Infrastrukturen. Zugleich lohnt sich für Open-Science-Akteur*innen der Blick in disziplinäre Debatten, um Bedarfe, Prioritäten und Diskursdynamiken besser zu verstehen.
Ein aktuelles Beispiel für die Fachkultur der Kristallographie findet sich in der Zeitschrift Acta Crystallographica Section A, einem Grundlagenjournal der Disziplin. John R. Helliwell fasst in in einem Überblicksartikel differenziert den Stand der generellen Entwicklung von Open Science und die Rolle von Open Science und Open Educational Resources für die Kristallographie zusammen.
Interessant an diesem Anwendungsfall ist, dass eine Reihe von Aspekten, die heute unter Open Science gefasst werden, bereits in der fachkulturellen Tradition verankert sind. So weist der Autor auf einen Artikel von William Lawrence Bragg hin, der bereits 1913 in gewissem Umfang Forschungsdaten mitpublizierte und visualisierte. (The structure of some crystals as indicated by their diffraction of X-rays. In: Proceedings of the Royal Society of London. Series A, Volume 89, Issue 610, September 1913, S. 248–277. https://doi.org/10.1098/rspa.1913.0083) Mit dem Cambridge Crystallographic Data Centre existiert seit 1965 ein Datenrepositorium für die Kristallographie. Und durch die Protein Data Bank verfügen das Fach und dank Open Access auch alle anderen Interessierten über eine umfassende Open-Data-Quelle mit entsprechenden Strukturdaten.
Das Beispiel zeigt, dass bestimmte Praktiken, die heute unter Open Science gefasst werden, in einzelnen Fachkulturen bereits lange vor der Etablierung des Begriffs existierten. Vergleichbare Entwicklungen dürften sich auch in anderen Disziplinen finden.
Ein erstes Takeaway wäre also:
1. Traditionslinien berücksichtigen
Die Gestaltung von Open-Access- und Open-Science-Infrastrukturen und die entsprechende Kommunikation des Themas kann und sollte auf fachkultureller Ebene bereits vorhandene und etablierte Praktiken und Strukturen berücksichtigen und möglichst bei diesen ansetzen.
Ein zentrales Argument des Artikels lautet, dass Offenheit nur dann wirklich ihren Zweck erfüllt, wenn sie mit einer Qualitätssicherung verbunden ist. Offene Forschungsdaten sind nicht automatisch gute Daten. Sie müssen vielmehr für die Wissenschaft und die Fachkultur auffindbar, interoperabel, nachvollziehbar und überprüfbar sein, damit sie wissenschaftlich tragfähig werden.
Die Daten müssen folglich sowohl einerseits den Anforderungen der jeweiligen Fachcommunity genügen, als auch für fachfremde Nachnutzungen verständlich und belastbar dokumentiert sein. Der Artikel verweist hierbei insbesondere auf Anwendungen im Bereich Künstliche Intelligenz und Machine Learning, die auf umfangreiche, gut dokumentierte, qualitätsgesicherte und vertrauenswürdige Datenbestände angewiesen sind.
Daraus ergibt sich als Takeaway:
2. Open Science braucht Datenqualität
Neben dem technischen Zugang muss Open Science grundsätzlich auch die bestmögliche Daten- und Materialqualität einschließlich Metadaten, Dokumentation und Validierung umfassen.
Zu ergänzen wäre an dieser Stelle auch die Rolle von umfassenden Metabeschreibungen und Metadaten sowie transparente Verfahrens- und Erhebungsdokumentationen, die es Dritten ermöglichen, die Daten angemessen einzuordnen.
Dieser Anspruch bedeutet unter Open-Science-Bedingungen, dass die Datenpublizierenden neben der Zielgruppe der Peers auch Zielgruppen außerhalb der eigentlichen Fachcommunity und in aller Konsequenz auch außerhalb der Wissenschaft im Blick haben sollen. Daraus resultieren neue Anforderungen an die Ausgestaltung der Datenpublikationen, was ein Bereich sein könnte, an dem generalistische Open-Access- und Open-Science-Services und -expert*innen in Wissenschaftsinfrastruktur und -management wie zum Beispiel die Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg als beratende Partner auftreten können.
Der Artikel akzentuiert die Frage, wie Forschungsdaten und -materialien optimal zu publizieren wären, jedoch in einer anderen Ausrichtung. Er identifiziert Spannungspunkte von Open Science einerseits beim Zeitaufwand und andererseits beim Verhältnis von Openness und industrieller bzw. kommerzieller Nutzung. Beispielsweise stellt sich in Krisensituationen die Frage, ob Forschungsergebnisse möglichst schnell veröffentlicht werden sollten oder ob umfassende Validierungs- und Qualitätssicherungsverfahren Vorrang haben müssen, um Fehlschlüsse zu vermeiden.
Für Kooperationen von Wissenschaft und Industrie betont der Text vor allem, dass die Leitlinie ‚So offen wie möglich, so geschlossen wie nötig‘ gilt. Open Science steht nicht grundsätzlich im Gegensatz zu kommerziell orientierter Forschung, muss aber die dort geltenden Rahmenbedingungen berücksichtigen. Ein freier Zugang daher muss nach einem Interessenausgleich organisiert werden. Beispielsweise im Bereich der pharmakologischen Innovation, oft verbunden mit Patentierungszielen, ist „Open by default“ keine Option. Oder, wie der Autor schreibt:
„In pharmaceutical crystallography, timing of disclosure is legally critical.“
Als Takeaway lässt sich an dieser Stelle festhalten:
3. Interessenspannungen verstehen und ausgleichen
Open Science umfasst in der praktischen Umsetzung schwer auflösbare Spannungen. Zum einen liegen sie im Aufwand sowie der Geschwindigkeit bei der Publikation und Bereitstellung qualitativ hochwertiger und nachnutzbarer Forschungsdaten. Zum anderen betreffen sie die Spannung zwischen dem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Interesse eines sofortigen, vollumfassenden Zugriffs und dem Verwertungsinteresse von Industriepartnern sowie damit zusammen hängenden rechtlichen Regelungen.
Betrachtet man den Komplex informationsethisch und global, eröffnen sich zusätzlich eine Ungleichheitsperspektive sowie Unterschiede bei der Auslegung dessen, was Open Science meint. Der Artikel weist darauf hin, dass unterschiedliche Regionen, Institutionen und Akteure unterschiedliche Prioritäten in Bezug auf Openness setzen und Fragen von Datenhoheit, Zugangsgerechtigkeit, wissenschaftlicher Teilhabe und gesellschaftlichem Nutzen nicht überall gleich gestellt, gewichtet und beantwortet werden.
Im Spannungsverhältnis zwischen der Wissenschaft im globalen Norden und im globalen Süden bestehen Macht- und Teilhabeasymmetrien, die traditionell von Open Science angesprochen werden: Open Science macht sie einerseits sichtbar, reproduziert sie aber auch unter anderem durch fortbestehende Infrastruktur- und Ressourcenunterschiede. Das Beispiel der Zeitschriften der International Union of Crystallography (IUCr), zu denen auch die Acta Crystallographica A gehört, ist an dieser Stelle, dass Mitherausgeberschaften entsprechend regional verteilt werden. Außerdem, so der Autor, stellt die IUCr Weiterbildungsmaterialien und Nachschlagewerke wie das Online Dictionary of Crystallography entsprechend offen bereit.
Das Takeaway zu diesem Komplex lautet:
4. Ungleichheiten mit konkreten Maßnahmen ansprechen
Open Science sollte den Anspruch an eine globale Wissenschaftsgerechtigkeit und unterschiedliche Perspektiven auf Ungleichheiten, Teilhabe und regional unterschiedlichen Prioritäten differenziert und über konkrete Maßnahmen und möglichst auch Kooperationen adressieren.
Eine besondere Rolle können dabei Open Educational Resources (OER) als Materialien für den Wissens- und Kompetenztransfer in Aus- und Weiterbildung spielen. Open Science heißt in diesem Sinne also nicht nur, den Zugang zu Forschungsergebnissen, Forschungsdaten und -materialien abzusichern, sondern auch die Kompetenzen zu vermitteln, die eine Nutzung dieser offenen Publikationen ermöglicht.
Ein Punkt, den der Artikel hervorhebt, ist die Mehrsprachigkeit. Materialien für den Kompetenzaufbau werden von der IUCr in Übersetzung bereitgestellt.
Ein Takeaway zur Beziehung zwischen OER und dem Zugang zu Forschungsmaterialien lautet entsprechend:
5. Nutzungskompetenzen sind ein Baustein der Teilhabe
OER ergänzen die Open-Science-Dateninfrastrukturen und bereitgestellten Inhalte um eine didaktische Dimension, indem sie die methodischen Voraussetzungen bzw. Kompetenzen für die Nutzung vermitteln. In dieser Ausrichtung erfüllen sie so auch das Teilhabeversprechen von Open Science.
Der Komplex Open Science umfasst, wie der Artikel deutlich herausarbeitet, noch weitere Facetten neben Open Access, Open Research Data und Open Educational Resources. Zu diesen zählen unter anderem systematische Daten-Peer-Reviews, eine stärkere Verknüpfung von Artikeln mit Rohdaten, klarere Qualitätsindikatoren und eine größere Transparenz bei Software und die Publikation negativer Ergebnisse. Damit zusammenhängend plädiert der Autor für eine stärkere Berücksichtigung genuiner Open-Science-Metriken bei der Forschungsbewertung. Als Beispiele nennt der Text die Publikationen von Aufsätzen mit Rohdaten, die Veröffentlichung offener Forschungssoftware und die Publikation von „negative results“.
Bemerkenswert ist dabei die Rolle der IUCr als fachgesellschaftlicher Akteur. Der Artikel setzt voraus, dass sie langfristig Infrastruktur, Qualitätsstandards und Bildungsangebote bereitstellen kann. Ob dieses Modell auf andere Fachgesellschaften übertragbar ist, bleibt offen. Gerade die IUCr verfügte traditionell über eine besondere Finanzierungsbasis: Noch 2009 stammten nach eigenen Angaben rund 90 % ihrer Einnahmen aus dem Publikationswesen. Im Finanzreport für 2021 machen Open-Access-Einnahmen etwa ein Drittel des über Publikationen erzielten Cashflows aus. (vgl. Report of the Executive Committee for 2021. In: Acta Crystallographica Section A. 79 https://doi.org/10.1107/S2053273322007598). Zugleich verweist der Beitrag auf Diamond Open Access als wichtigen Zukunftstrend, wobei aktuell nicht beurteilt werden kann, inwieweit diese Entwicklung von der Fachgesellschaft übernommen und unterstützt wird.
Das Takeaway zu diesem Punkt wäre:
6. Fachgesellschaften einbinden
Fachgesellschaften mit stabilen Ressourcen können einen maßgeblichen steuernden und gestaltenden Anteil für Open Science in einer Fachkultur spielen.
Der Aufsatz John R. Helliwells zeigt die Kristallographie exemplarisch als eine Fachkultur, in der Open Science weniger als abstraktes Programm, sondern stärker als auf historisch gewachsenen und institutionell abgesicherten Praktiken aufsetzend. Offenheit entsteht hier, idealerweise, im Zusammenspiel von Datenqualität, Validierung, fachlicher Verantwortung, Bildungsarbeit und Kompetenzvermittlung sowie internationaler Kooperation. Dies unterstreicht, dass Open Science nur dann tragfähig ist, wenn offene Wissenschaft disziplinäre Traditionen ernst nimmt, Spannungen zwischen Offenheit und Begrenzung produktiv aushält und aushandelt und durch stabile Infrastrukturen, möglicherweise auch mit Beteiligung organisierter Fachgesellschaften aktiv mitgestaltet wird.