20.10.2026 | Ben Kaden

OA-News: Diamond Open Access ist in den Sozialwissenschaften verbreitet, aber im Vergleich weniger sichtbar

Diamond Open Access wird derzeit sehr stark als Zukunftsmodell für Open Access und auch als Alternative zum gebührenbasierten Gold Open Access gehandelt. In einer aktuellen Untersuchung haben Ulrich Herb von der Universität des Saarlandes und Joachim Schöpfel von Université de Lille am Beispiel der Sozialwissenschaften untersucht, wie sich Diamond-Open-Access-Zeitschriften dieser Communitys entwickeln. Als Fazit lässt sich festhalten, dass  Diamond Open Access in den Sozialwissenschaften zahlenmäßig stark vertreten, aber gegenüber Gold OA strukturell benachteiligt ist.

Legt man die Daten des DOAJ zugrunde, sind 85% der gelisteten Zeitschriften (921 von 1083 Titeln) aus diesem Bereich als Diamond einzustufen. Bei diesen Titeln überprüften die Autoren anhand von einem Set von Kriterien die Übereinstimmung mit Publikationsstandards (maschinenlesbare Lizenzinformationen, Rechteverbleib bei den Autor*innen, Plagiatsprüfung, Dauer des Publikationsprozesses, DOI, Aktivität an sich) sowie den Impact (anhand des SCImago Journal Rank von Scopus).

Deutlich wird, dass die untersuchten Diamond Journals einzig in der Kategorie der Autor*innen-Rechte wirklich gut abschnitten. In den anderen Kategorien waren sie in der Masse den Gold-OA-Titeln unterlegen – maschinenlesbare CC-Lizenzen (44% vs. 57% bei Gold-OA), Plagiatsprüfungen (50% vs. 83%) und DOIs/PIDs (68% vs. 91%). Auch die Zeit von der Einreichung des Manuskripts bis zur Veröffentlichung war bei den Diamond-Zeitschriften im Median drei Wochen langsamer als bei den Gold-Titeln. Die über den SCImago Journal Rank (SJR) ermittelte Impact war deutlich niedriger: nur 24% der Diamond-, aber 48% der Gold-Zeitschriften haben einen SJR.

Eher wenig überraschend ist der ermittelte Verlagseffekt: Bei Traditionsverlagen (bzw. Legacy-Publisher) erscheinende Titel haben höhere H-Index- und SJR-Werte. Bedeutsamer ist dagegen der generelle Unterschied bei den Publikationsstandards, was sich vermutlich auch dadurch erklären lässt, dass Traditionsverlage eher auf eine eingespielte und routinisierte technische Infrastruktur und professionelle Workflows zurückgreifen können. Für Diamond Journals typische strukturelle Probleme, allen voran unsichere Finanzierung, Ressourcenmangel und eingeschränkte Infrastrukturoptionen dürften hier also durchlagen.

Während Diamond Open Access eindeutig die Bibliodiversität und andere Formen von Vielfalt auch in den Sozialwissenschaften fördert, muss sich.ein großer Teil der so erscheinenden Journals an verschiedenen Stellschrauben professionalisieren, um eine konkurrenzfähige Alternative darzustellen.

Helfen kann dabei, wie die Autoren empfehlen die gezielte Unterstützung durch Bibliotheken, Konsortien und Forschungsförderung mit zentralen Diensten beispielsweise für DOIs, Metadaten und Plagiatsprüfung, eventuell auch gemeinsame Open-Source-Publikationsplattformen sowie eine redaktionelle Qualifizierung der Herausgebenden und eine stabile Finanzierung des Diamond Modells Weiterhin wäre es natürlich wichtig, eine breitere und tiefere Indexierung zu erreichen und – auf einer übergeordneten Ebene – die Verschiebung der Kriterien der Forschungsbewertung von zitationsbasierten Indices zu Kriterien, die eher in Übereinstimmung mit Diamond-Open-Access-Modellen stehen, zu fördern. Die Autoren verweisen an dieser Stelle explizit, zugleich auch die Erwartungen etwas dämpfend auf die Initiativen der San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA) und der Coalition for Advancing Research Assessment (CoARA).

Die gesamte Studie ist als Preprint auf Zenodo abrufbar:

Ulrich Herb, Joachim Schöpfel: Structural Challenges of Diamond Open Access in the Social Sciences: Insights from DOAJ and Scimago Data. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.23372771 (15.10.2026)