24.09.2026 | Ben Kaden

OA-Takeaways: Wie lässt sich ein teilhabeorientiertes Open Access besser gestalten?

Zu: Dorothea Horst, Britta Schneider,  Emily Farrell: Open Access as Social Practice: The Political of, and Experiences with Applied Linguistics Publishing. In: Journal für Medienlinguistik 7, Nr. 1 (2025): 10–37. https://doi.org/10.21248/jfml.2025.68.

Eine Art Nebenentdeckung bei der Arbeit mit den Daten zu den Open-Access-Publikationen mit Beteiligung von an der Europa Universität Viadrina affiliierten Autor*innen war ein in Diamond Open Access und mit Open Peer Review erschienener Beitrag, der sich dem Feld der Open-Access-Forschung zuschreiben lässt. Britta Schneider, bis April 2026 Professorin an der Europa Universität und mittlerweile an der Universität Wien tätig, untersuchte mit ihren Ko-Autorinnen Dorothea Horst und Emily Farrell die Frage, ob der freie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen im Sinne des Open-Access-Ansatzes tatsächlich zu mehr Teilhabe und Gleichheit führt oder ob damit bestehende Hierarchien eventuell wieder reproduziert werden oder anders zum Tragen kommen.

Die Autorinnen verbinden eine theoretische Diskussion mit einer Online-Befragung von 88 Forschenden aus der angewandten Linguistik, Soziolinguistik und verwandten Disziplinen. Theoretisch greifen sie unter anderem auf Pierre Bourdieu, Nancy Fraser und Jacques Rancières Konzept der „Aufteilung des Sinnlichen“ zurück. Dieses richtet den Blick darauf, was wahrnehmbar und anerkennbar wird und was ausgeschlossen und unsichtbar bleibt, und dient den Autorinnen als machtkritischer Analyserahmen.

Open Access und Open Research spielen dabei selbst eine Rolle, werfen sie doch die Frage auf, wie Wahrnehmbarkeit, Präsenz und Teilhabe von Akteuren in der Wissenschaft reguliert werden. Der Zugang zu Publikationen und damit Forschungsergebnissen war nach dem traditionellen subskriptions- und pay-to-read-basierten Publikationsmodell durch verschiedene Barrieren (z.B. finanziell, sprachlich, lizenzrechtlich) begrenzt. Mit Pierre Bourdieu lässt sich die Position ergänzen, dass akademisches Kapital – etwa institutionelles Prestige, Netzwerke, finanzielle Mittel oder Zitierbarkeit – beeinflusst, wer innerhalb dieser Ordnung von wissenschaftlicher Kommunikation wahrnehmbar und wirksam werden kann.

Argumentation

Die emanzipatorische Grundidee von Open Access besteht darin, diese Barriere zu senken und eine stärker integrative Form von Wissenschaft und akademischem Diskurs zu ermöglichen. Durch den breiteren Zugang erweitert sich also der „Raum der Wissenschaft“. Publizierte Forschungsergebnisse sind nicht mehr ausschließlich den Angehörigen gut ausgestatteter Institutionen, sondern – so das Versprechen – allen zugänglich. Allerdings bleiben auch dann weitere Hürden insbesondere sprachlicher und technischer Natur bestehen. 

Während der Zugang zur Forschungspublikationen an dieser Stelle offener wird, bleibt die Herausforderung der Teilhabe bestehen. Die Barrieren für die Publikation wissenschaftlicher Erkenntnisse und für das Einbringen eigener Stimmen in den wissenschaftlichen Diskurs verändern sich durch Open Access nicht wesentlich.

Die „Aufteilung des Sinnlichen“ wird also vielleicht verschoben, aber nicht aufgehoben. Statt auf Seiten der Rezeption, vor der Etablierung von Open-Access-Modellen vor allem durch Paywalls und Subskriptionskosten eingeschränkt, teils aber auch durch die Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit zu fachkulturellen Netzwerken. Nun erscheint die Produktion der Publikation, die in wachsendem Umfang vom Zugang zu Fördermitteln, aber auch von Publikationswissen und Prestige abhängt, als Schauplatz sozialer Ein- und Ausschlüsse sowie ihrer Regulierung.

Entsprechend werden auch bei vielen aktuellen Open-Access-Modellen und insbesondere bei den APC-basierten Ansätzen all jene Gruppen benachteiligt, die nur über einen begrenzten Zugang zu den entsprechend notwendigen Ressourcen verfügen. Betroffen sind insbesondere der wissenschaftliche Nachwuchs, Forschende in prekären Positionen und Personen an ressourcenschwächeren Einrichtungen. Auch globale Ungleichverteilungen spiegeln sich hier nach wie vor wider.

Der Zugang zu Publikationsmöglichkeiten hängt weiterhin von institutionellen Ausstattungen, Fördermitteln, sprachlichen und geografischen Bedingungen sowie akademischem Prestige ab. Während Open Access zwar die Sichtbarkeit bestehender Forschung erhöhen kann, gilt dies in der Praxis vorwiegend für Forschende, die auch ausreichende Möglichkeiten haben, selbst sichtbar zu werden. Fragen der Verteilungs- und Anerkennungsgerechtigkeit bleiben damit aktuell.

Besonders interessant ist, dass neben den Ressourcen selbst auch ein spezifisches Wissen über die für Open Access spezifischen Publikationswege, Lizenzen, Repositorien und Fördermöglichkeiten erforderlich wird. Einrichtungen mit entsprechend qualifizierten Bibliotheken und Forschungsabteilungen helfen hier ebenso weiter wie Informationsflüsse über persönliche Netzwerke. Mit Open Access dringt also eine besondere Form der Publikationskompetenz ins Kompetenzprofil der Forschenden ein – oder wird, soziologisch gesprochen, Teil des akademischen Kapitals. 

Erkenntnisse

Die beschriebenen Überlegungen des Beitrags werden durch eine Befragung ergänzt, die – wie die Autorinnen anmerken – auf einem vergleichsweise kleinen und nicht repräsentativen Sample beruht. Die Befragten wurden über einschlägige digitale Netzwerke und den professionellen Kontext der Autorinnen erreicht und stammen überwiegend aus dem Globalen Norden. Interessant ist die Befragung vor allem insofern, als sie die Bedeutung eines spezifischen Open-Access-Wissens als Voraussetzung für die Teilhabe am wissenschaftlichen Diskurs hervorhebt. Dazu kommt der Fokus auf strukturelle Schwächen. Uneinheitliche Publikationsverfahren sowie ungleiche institutionelle Rahmenbedingungen und Voraussetzungen werden als Teilhabebarrieren für die offene Wissenschaft identifiziert. 

Die Zustimmung zu Open Access im Sample ist groß: Über 90% der Befragten halten Open Access für den demokratischen Zugang zu Wissen für sehr oder äußerst wichtig. Open Access wird auch praktiziert. Unter den Befragten haben 75% entsprechende Erfahrungen und weitere planen, zukünftig Open Access zu publizieren.

Defizite bestehen vor allem beim Überblick über die Publikationspraxis. Mehr als 40% der Befragten wissen nicht, wo sie Fördermittel beantragen können. Rund 45% der Befragten kennen die Open-Access-Policy ihrer Institution nicht. Auch generell gehen die Vorstellungen davon, was genau als Open Access gilt, deutlich auseinander. iele nutzen Plattformen wie Academia.edu oder ResearchGate als eine Art alltagspraktische Open-Access-Lösung.

Neben den Kosten spielen auch wissenschaftssoziologisch bekannte Faktoren bei einer eventuellen Zurückhaltung eine Rolle, wenn Forschende Open Access nicht oder nur eingeschränkt nutzen: Karriere- und Prestigeerwartungen sind bislang nicht immer mit offener Wissenschaft vereinbar. Hinzu kommt die wahrgenommene mangelnde institutionelle Unterstützung.

Takeaways

Aus der Argumentation des Beitrags lässt sich auch für die Diskussion um offene Wissenschaft und Wissenschaftspolitik im Land Brandenburg die Anschlussfrage ableiten, wer unter welchen Bedingungen im Wissenschaftssystem publizieren, sichtbar und anerkannt werden sowie am wissenschaftlichen Diskurs teilnehmen kann. Aus Sicht der Vernetzungs- und Kompetenzstelle lassen sich dazu folgende Punkte festhalten:

  • Neben dem Rezeptions- beziehungsweise Lesezugang sollte noch intensiver auf die Produktions- und Publikationsbedingungen sowie auf deren möglichst gerechte und teilhabeorientierte Gestaltung geschaut werden. Diamond Open Access und wissenschaftsgeleitetes Publizieren sind dafür aktuelle Ansätze.
  • Solche Ansätze betreffen auch die Finanzierungsmodelle: Alternativen zum APC-Modell sind notwendig, weil selbst durch institutionelle Publikationsunterstützungen und Fonds eine Teilhabe aller Forschenden nur schwer abgesichert werden kann. Die Nutzung der bestehenden und nach unserer Erfahrung bereits jetzt stark nachgefragten Angebote setzt gegenwärtig das benannte Open-Access-Strukturwissen und /oder geeignete lokale Beratungs- und Supportangebote voraus.
  • Vorhandene öffentliche Open-Access-Infrastrukturen wie Repositorien und begleitende Services sollten im Hinblick auf ihre Bedeutung für Teilhabe sowie auf eine intensivere Nutzung und stärkere Verzahnung mit wissenschaftlichen Publikationskulturen und dem Scholar-led-Ansatz geprüft und weiterentwickelt werden.
  • Angebote der Hochschulbibliotheken zur Beratung und Begleitung von Open-Access-Publikationen bestehen bereits. Sie sollten jedoch bewusst Formen von Open Access einbeziehen, die auf größere Teilhabegleichheit und Bibliodiversität zielen.
  • Anerkennungs- und Bewertungsstrukturen für wissenschaftliche Beiträge müssen stärker auf differenzierte qualitative Kriterien setzen, die vielfältige Publikationswege gleichermaßen berücksichtigen.
  • Förderprogramme für offene Wissenschaft sollten transparent, leicht auffindbar, verständlich und niedrigschwellig sein. Zugleich ist eine nachhaltige und bedarfsgerechte Ausstattung erforderlich, die dem Ziel einer breiten Partizipation unterschiedlicher Communities gerecht wird.
  • Es braucht übergreifende, kommunikationsstrategisch differenzierte und dauerhafte Vermittlungsangebote zu Open-Access-Wissen gerade auch für Zielgruppen, die bisher weniger erreicht werden. Diese Zielgruppen sollten gezielt identifiziert und adressiert werden.
  • Open-Access-Kompetenz sollte systematisch als Bestandteil der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses vermittelt werden.