24.09.2026 | Team OA Brandenburg

Brandenburger OA-Top 10: Forschung aus der Europa Universität Viadrina Frankfurt (Oder), 2025

Für die Erfolgsbewertung der Open-Access-Transformation schauen wir als Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg erwartungsgemäß mit erheblichem Interesse darauf, was an den Hochschulen des Landes an Wissenschaft nach dem Open-Access-Modell erscheint. Zugleich überlegen wir, wie wir diesen Entwicklungen stärker sichtbar machen. Denn tatsächlich geschieht im Land Brandenburg erstaunlich viel und Open Access an vielen Stellen erstaunlich selbstverständlich.

Ein Ansatz, denn wir aktuell etwas ausprobieren möchten, sind kleine Textbohrungen in das Datenmaterial. Heute haben wir dafür exemplarisch mit OpenAlex einen Blick darauf geworfen, welches die – bislang – meistzitierten Open-Access-Publikation der Forschung mit Beteiligung von an der Europa Universität Viadrina affiliierten Forschenden aus dem Jahr 2025 sind. „Bislang“ bezieht sich auf die Tatsache, dass gerade beim Fächerspektrum der Viadrina längere Zeitzyklen für Zitationen zu berücksichtigen sind und je thematischer Entwicklung weitere Zitationen zu erwarten sind. Eine wissenschaftliche Arbeit braucht erfahrungsgemäß eine Weile, bis sie in ihrer Zielcommunity sichtbar rezipiert und von dieser für neue Forschung verarbeitet wird. Diese Studie konstatiert beispielsweise generell eine durchschnittliche Zitationsverzögerung von sieben bis acht Jahren. Und für die Geisteswissenschaften wurde gar eine „Ruhezeit“ von fünf Jahren ermittelt. Zugleich wollen wir nicht allzu weit zurückgehen, weil uns auch interessiert, welche Forschungsthemen sich aktuell in der Aufmerksamkeit aktuell. Das bedeutet aber keinesfalls, dass wir uns nicht bei Gelegenheit auch einmal einen längeren Zeitraum anschauen. Und ganz sicher beleuchten wir auch unsere anderen Einrichtungen im Land Brandenburg. 

Die nachfolgende Rangliste erfolgt auf Angaben von OpenAlex. Die Zahl der Zitationen entspricht dem Stichtag 23.09.2026. Es wurden ausschließlich Open-Access-Publikationen berücksichtigt.

1. A new regime divide?

A new regime divide? Democratic backsliding, attitudes towards democracy and affective polarization
Autorinnen: Theresa Gessler (EUV), Natasha Wunsch
Fachgebiet: Politikwissenschaft, vergleichende Demokratieforschung
Verlag: Cambridge University Press
Lizenz: CC BY NC ND

Zitationen: 45

Gessler, Theresa, und Natasha Wunsch. „A New Regime Divide? Democratic Backsliding, Attitudes towards Democracy and Affective Polarization“. European Journal of Political Research 64, Nr. 4 (2025): 1593–617. https://doi.org/10.1111/1475-6765.12751

Die Studie untersucht am Beispiel Ungarns, wie demokratischer Rückbau die affektive Polarisierung zwischen Regierung und Opposition verstärken kann; zentrale Einsicht ist, dass sich in länger andauernden Backsliding-Prozessen ein neuer politischer „democratic divide“ herausbilden kann, der oppositionelle Kräfte im Schutz der Demokratie zusammenführt.

2. Future Making

Future Making: Towards a Practice Perspective
Autoren: Matthias Wenzel, Laure Cabantous, Jochen Koch (EUV)
Fachgebiet: Management- und Organisationstheorie
Verlag: Wiley
Lizenz: CC BY 4.0

Zitationen: 40

Wenzel, Matthias, Laure Cabantous, und Jochen Koch. „Future Making: Towards a Practice Perspective“. Journal of Management Studies 62, Nr. 6 (2025): 2426–51. https://doi.org/10.1111/joms.13222 

Der Beitrag entwickelt eine praxistheoretische Perspektive auf die Frage, wie Organisationen Zukünfte nicht nur prognostizieren, sondern durch konkrete Praktiken hervorbringen und gestalten; vorgeschlagen werden vier Dimensionen, mit denen sich „Future Making“ präziser untersuchen lässt: Performativity, Situationality, Heterogeneity sowie Relationality.  

3. Digital Transformation: Quo Vadit?

Digital Transformation: Quo Vadit?
Autoren: Lauri Wessel (EUV), Elaine Paiva Mosconi, Marta Indulska, Abayomi Baiyere
Fachgebiet: Wirtschaftsinformatik, Organisations- und Digitalisierungsforschung
Verlag: Wiley
Lizenz: „Free Access“ (also de facto kein Open Access)

Zitationen: 26

Wessel, Lauri, Elaine Mosconi, Marta Indulska, und Abayomi Baiyere. „Digital Transformation: Quo Vadit?“ Information Systems Journal 35, Nr. 4 (2025): 1294–308. https://doi.org/10.1111/isj.12578 

Der Beitrag bilanziert die Forschung zur digitalen Transformation (DT) und fordert mehr begriffliche Präzision sowie eine „Stringency in plurality“: Künftige Forschung sollte die vier Dimensionen Unterscheidbarkeit, Transformationsobjekte, Analyseebene und zeitlichen Verlauf deutlicher bestimmen.

4. Economic Analysis of Global CO₂ Emissions and Energy Consumption

Economic Analysis of Global CO2 Emissions and Energy Consumption Based on the World Kaya Identity
Autorinnen: Alina Yakymchuk, Simone Maxand (EUV), Anna Lewandowska
Fachgebiet: Umweltökonomie, Energie- und Klimaforschung
Verlag: MPDI
Lizenz: CC BY 4.0

Zitationen: 14

Yakymchuk, Alina, Simone Maxand, und Anna Lewandowska. „Economic Analysis of Global CO2 Emissions and Energy Consumption Based on the World Kaya Identity“. Energies 18, Nr. 7 (2025): 1661. https://doi.org/10.3390/en18071661 

Auf Grundlage der Kaya-Identität analysiert die Studie den Zusammenhang von Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum, Energieverbrauch und CO₂-Emissionen; als zentrale Erkenntnis erweist sich die Kohlenstoffintensität der Energieversorgung als besonders entscheidender Faktor für langfristige Emissionsentwicklungen, während kurzfristige Bevölkerungsentwicklungseffekte gering ausfallen.

5. Alexa’s agency

Alexa’s agency: a corpus-based study on the linguistic attribution of humanlikeness to voice user interfaces
Autorin: Miriam Lind (EUV)
Fachgebiet: Linguistik, Medienlinguistik, Mensch-Technik-Kommunikation
Verlag: SpringerNature
Lizenz: CC BY 4.0

Zitationen: 9

Lind, Miriam. „Alexa’s Agency: A Corpus-Based Study on the Linguistic Attribution of Humanlikeness to Voice User Interfaces“. AI & SOCIETY 40, Nr. 6 (2025): 4619–33. https://doi.org/10.1007/s00146-025-02243-8

Die korpusbasierte Untersuchung zeigt, dass der Sprachgebrauch in deutschen Medien Sprachassistenten unterschiedlich stark vermenschlicht: Alexa und Siri werden aufgrund ihrer Personennamen eher als handelnde und empfindungsfähige Wesen dargestellt, während „Google Assistant“ weniger stark anthropomorphisiert wird.

6. The material making of language

The material making of language as practice of global domination and control: continuations from European colonialism to AI
Autorinnen: Bettina Migge, Britta Schneider (EUV)
Fachgebiet: Soziolinguistik, Sprach- und Techniksoziologie, Postcolonial Studies
Verlag: SpringerNature
Lizenz: CC BY 4.0

Zitationen: 8

Migge, Bettina, und Britta Schneider. „The Material Making of Language as Practice of Global Domination and Control: Continuations from European Colonialism to AI“. AI & SOCIETY 40, Nr. 8 (2025): 6059–71. https://doi.org/10.1007/s00146-025-02389-5.

Der Beitrag arbeitet Kontinuitäten zwischen kolonialen Formen der sprachlichen Klassifikation und der Materialisierung von Sprache in KI-Technologien heraus und zeigt, dass Sprachdaten und Sprachmodelle nicht neutral sind, sondern bestehende globale Macht- und Ordnungsverhältnisse fortschreiben können.

7. Language in the age of AI technology

Language in the age of AI technology: From human to non-human authenticity, from public governance to privatised assemblages
Autoren: Iker Erdocia, Britta Schneider (EUV), Bettina Migge
Fachgebiet: Soziolinguistik, Sprachideologien, KI- und Governance-Forschung
Verlag: Cambridge University Press
Lizenz: CC BY 4.0

Zitationen: 7

Erdocia, Iker, Britta Schneider, und Bettina Migge. „Language in the Age of AI Technology: From Human to Non-Human Authenticity, from Public Governance to Privatised Assemblages“. Language in Society 55, Nr. 3 (2026): 523–43. https://doi.org/10.1017/S004740452500017X 

Am Beispiel der spanischen Real Academia Española (RAE) untersucht der Artikel, wie traditionelle Sprachinstitutionen auf KI-generierte Sprache reagieren; die zentrale Einsicht lautet, dass der Diskurs über „authentische“ menschliche Sprache zugleich ein Ringen um sprachliche Autorität gegenüber globalen Technologieunternehmen ist.

8. Campaigning in the Age of Platforms

Campaigning in the Age of Platforms: A Longitudinal Analysis of German Parties & Politicians
Autoren: Mike Cowburn (EUV), Ulrike Klinger (EUV), Anders Olof Larsson
Fachgebiet: Politische Kommunikationsforschung, Parteien- und Plattformforschung
Verlag: Taylor & Francis
Lizenz: Copyright (Open Access über Zweitveröffentlichung auf Repositorium nach Artikel 25fa Auteurswet)

Zitationen: 7

Cowburn, Mike, Ulrike Klinger, und Anders Olof Larsson. „Campaigning in the Age of Platforms: A Longitudinal Analysis of German Parties & Politicians“. Political Communication 43, Nr. 2 (2026): 192–220. https://doi.org/10.1080/10584609.2025.2575328.
Open Access als Zweitveröffentlichung: https://dare.uva.nl/id/e1b32d60-83c7-4d7e-81d0-4430fe26486d 

Die Langzeituntersuchung der Kommunikation deutscher Parteien und Politiker*innen auf Twitter (heute X) und Facebook von 2010 bis 2021 zeigt, dass Wahlkampfkommunikation in auf diesen Plattformen durch die Verschiebung zu höherer Aktivität, positiveren Rhetorik sowie eine generell intensivere Nutzung von Plattformfunktionen (Retweets, Mentions und Replies bei Twitter, Fotos und Videos bei Facebook) geprägt ist und zugleich die Personalisierung der Politik begünstigen kann.

9. Crowdfunding and Energy Efficiency Contracting

Crowdfunding and Energy Efficiency Contracting: Exploring New Pathways for Private Investment in Building Renovations
Autoren: Renata Magalhães (EUV), Federico Narracci, Jens Lowitzsch (EUV)
Fachgebiet: Energiewirtschaft, nachhaltige Finanzierung, Transformationsforschung
Verlag: MPDI
Lizenz: CC BY 4.0

Zitationen: 6

Magalhães, Renan, Federico Narracci, und Jens Lowitzsch. „Crowdfunding and Energy Efficiency Contracting: Exploring New Pathways for Private Investment in Building Renovations“. FinTech 4, Nr. 1 (2025): 6. https://doi.org/10.3390/fintech4010006.

Die Studie untersuchte anhand einer Befragung von 2.585 deutschen Haushalten, welche Gruppen Crowdfunding für Energieeffizienzmaßnahmen über die FinSESCo-Plattform (Fintech Platform Solution for Sustainable Energy System Intracting and Contracting) nutzen würden; besonders einkommensschwächere und mittlere Haushalte sowie Personen mit Vorerfahrungen in erneuerbaren Energien, Contracting oder Crowdfunding zeigen eine erhöhte Teilnahmebereitschaft. Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass Crowdfunding dazu beitragen könnte, neue Zielgruppen für Energieeffizienzinvestitionen zu erschließen und solche Investitionen stärker zu demokratisieren und zu diversifizieren.

10. The reliability of replications

The reliability of replications: a study in computational reproductions
Autoren: Nate Breznau, Eike Mark Rinke, Alexander Wuttke u.a. [Theresa Gessler (EUV)]
Fachgebiet: Replikationsforschung, empirische Sozialforschung, Open Science
Verlag: Royal Society Publishing
Lizenz: CC BY 4.0

Zitationen: 6

Breznau, Nate, Eike Mark Rinke, Alexander Wuttke u. a. „The Reliability of Replications: A Study in Computational Reproductions“. Royal Society Open Science 12, Nr. 3 (2025): 241038. https://doi.org/10.1098/rsos.241038.

In einem koordinierten Replikationsprojekt mit 85 unabhängigen Teams zeigt die Studie, dass bereitgestellter Originalcode die Reproduktion deutlich verbessert, aber nicht garantiert; neben Transparenz bleiben Weiterbildungen und Schulungen, institutionelle Qualitätssicherung und ein Bewusstsein für die Komplexität scheinbar „per Knopfdruck“ durchführbarer Reproduktionen notwendig.

Einordnung der Forschungsthemen

Die zehn meistzitierten Open-Access-Publikationen zeigen die thematische Breite der Forschung an der Europa-Universität. Dabei lassen sich mehrere übergreifende Forschungsschwerpunkte erkennen:

  • Demokratie, politische Polarisierung und politische Kommunikation
    Die Studien untersuchen den Rückbau demokratischer Strukturen und die Herausbildung einer neuen politischen Konfliktlinie anhand des Beispiels Ungarn (1), die Entwicklung politischer Kommunikation auf digitalen Plattformen (8) sowie die Rolle von affektiver Polarisierung in politischen Systemen.
  • Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel
    Die Schwerpunkte sind die digitale Transformation (3), die Antropomorphisierung von Sprachassistenten (5), koloniale Kontinuitäten in der technischen Modellierung von Sprache (6) und die Neuordnung sprachlicher Autorität im Zusammenhang großer Sprachmodelle (7).
  • Sprache, Macht und soziale Ordnung
    Einige Beiträge zeigen auf, dass Sprache nicht nur ein neutrales Kommunikationsmittel ist, sondern gesellschaftliche Wirklichkeit, Machtverhältnisse und Vorstellungen von Handlungsfähigkeit mitprägt (5, 6, 7). Dies gilt sowohl für die Darstellung künstlicher Akteure als auch für die technische Verarbeitung und Regulierung von Sprache.
  • Nachhaltigkeit, Energie und gesellschaftliche Transformation
    Fragen der ökologischen Transformation stehen im Zentrum der Analyse globaler CO₂-Emissionen und ihrer wirtschaftlichen Einflussfaktoren (4) sowie der Untersuchung neuer Finanzierungswege für Energieeffizienzmaßnahmen im Gebäudesektor (9). Beide Studien verbinden empirische Analysen mit Überlegungen zu politischen und wirtschaftlichen Handlungsoptionen.
  • Organisationen und die Gestaltung von „Zukunft“
    Die Managementforschung beschäftigt sich mit der Frage, wie Organisationen zukünftige Entwicklungen imaginieren, hervorbringen und praktisch gestalten können (2). „Zukunft“ erscheint dabei nicht als feststehende Erwartung, sondern als Ergebnis organisationaler Praktiken.
  • Open Science und Qualitätssicherung in der Forschung
    Die Untersuchung zur Zuverlässigkeit computergestützter Reproduktionen zeigt, dass Transparenz, zugänglicher Originalcode und nachvollziehbare Arbeitsprozesse die Reproduzierbarkeit verbessern, zugleich aber durch Schulung, institutionelle Qualitätssicherung und methodische Reflexion ergänzt werden müssen (10).