23.06.2023 | Ben Kaden

OA-Takeaways: Self-Archiving und Author-Pays-Modelle. Open Access im Jahr 2004.

Eine Binse der Geschichte ist, dass für ein Verständnis der Gegenwart mitunter ein Blick zurück ein guter Schlüssel ist. Für das Phänomen Open Access bzw. den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen bietet sich das besonders gut an. Einerseits, weil man die Mäander des Diskurses bei diesem Thema besonders stark ausgeprägt vorfindet. Und andererseits, weil das Thema überhaupt erst durch die Möglichkeit des elektronischen bzw. Online-Publizierens aufkam und seine Debatten und Dokumente daher auch sehr schön elektronisch publiziert und digital dokumentiert vorliegen.

In dieser Woche schickte mir jemand einen Hinweis auf einen Artikel aus der Zeitschrift Nature, in dem der damalige Europa-Korrespondent der Zeitschrift, Declan Butler, über die Debatte zum Phänomen „Open Access“ in Großbritannien berichtete. Das Jahr ist – wieder – 2004 und eine Nature-Debatte zur Frage des Zugangs zu wissenschaftlicher Literatur („access to literature“) lag gerade erst einige Wochen zurück. 

Die Debattendefinition von Open Access war, dies als erstes Takeaway, sehr geradlinig und wurde hier vor allem aus Sicht der Verlagsmodelle geführt: „New business models are being tested by publishers, including open access, in which the author pays and content is free to the user.“ (Hervorhebung von mir) Zumindest in Nature, wo man erkennbar aus einer bestimmten interessengeleiteten Neugier auf das Phänomen „Open Access“ blickte. 

PLOS, 2003

Ein Auslöser des Interesses an einer breiten Reflexion zur Zukunft des Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen ist bereits im Jahr zuvor zu finden. Allerdings spielte hier weniger die Berliner Erklärung eine Rolle. PLOS Biology hieß der Anlass für die Aufmerksamkeit. Begleitet von Fernsehwerbespots wurde ein weltverändernde Entwicklung angekündigt und in die Formel „(knowledge) x (access) = progress“ gebrandet.

Die Innovation war eine „dissemination fee“, die von den Publizierenden entrichtet werden sollte. Im Gegenzug war der Zugriff für alle frei. PLOS Biology war ein Testballon und disziplinär bewusst gewählt, da man sich in der Biologie anscheinend, wie Declan Butler im Herbst 2003 zu berichten wusste, weniger affin für die über das ArXiv eigentlich längst etablierte Preprint-Kultur zeigte. Freier Zugang und Peer Review sollten für 1500 $ Gebühr möglich werden. Nicht nur Declan Butler fragte sich zu der Zeit, ob dieser Ansatz wissenschaftlich tragfähig sei und zwar auch deshalb, weil unklar war, ob jemand überhaupt bezahlen würde und, falls ja, ob die veranschlagte Summe ausreichend sei:

„Behind the rhetoric of PLoS’s campaign, therefore, lie some more down-to-earth questions. Will scientists, their host institutions, and those who fund their research embrace the ‚author-pays‘ model? And if they do, is $1,500 per article enough to cover the costs of producing a journal of the highest quality?“ (Butler, 2003)

Ira Mellman, Zellbiologe und Herausgeber eines entsprechenden Fachblatts, zeigte sich zumindest skeptisch: „I feel that PLoS’s estimate is low by four- to sixfold“. (ebd.) Heute, 19 Jahre später, liegen die Publikationsgebühren für PLOS Biology immerhin bei 5500 $

Empfehlungen, 2004

Der mir hingelegte Artikel aus dem Jahr 2004 (Butler, 2004) referiert vor allem die Ergebnisse einer Untersuchung des „UK House of Commons Science and Technology Committee“, wobei sich in den vielen Details zwei Grundlinien für die Entwicklung von Open Access herausheben, die wir heute als den goldenen und den grünen Weg unterscheiden: das schon erwähnte „author-pays“-Modell und institutionelle Repositorien.

Argumentativer Hintergrund für den Modellwechsel waren ausdrücklich die steigenden Subskriptionskosten:

„[T]he current system of ‘reader-pays’ has resulted in spiralling journal costs that many libraries can no longer afford. “This cannot continue,” says committee chairman Ian Gibson, a Labour member of parliament.“ (Butler, 2004)

Der Report selbst ist sehr lesenswert, wenn man sich an die frühen Argumente und Lösungsansätze für Open Access erinnern möchte. So erläutert er, warum Open Access überhaupt ein politisches Thema ist: die Verantwortung für öffentliche Gelder. 

„We are convinced that the amount of public money invested in scientific research and its outputs is sufficient to merit Government involvement in the publishing process.“ (UK House of Commons, 2004, Absatz 24, vgl. auch Absatz 22 und Absatz 55)

Dazu käme ein internationales Momentum für Veränderungen im wissenschaftlichen Publizieren (ebd., Absatz 25). Ein weiteres zentrales Argument war die Notwendigkeit eines umfassenden Zugangs für die Forschenden zu den für sie relevanten Zeitschriften:

„All researchers, regardless of the nature of their institution, should be granted access to the scientific journals they need to carry out their work effectively.“ (ebd., Absatz 35)

Die Frage des Zugangs wurde ausdrücklich auch auf den Zweck der universitären Lehre erweitert (ebd., Absatz 38), was in gewisser Weise eine Brücke zwischen Open Access und den seit 2002 thematisierten Open Educational Resources (OER) vorbereitete. Parallel wurde die allgemeine Öffentlichkeit im Sinne eines „Public Understanding of Science“ als mögliche Zielgruppe für offene Wissenschaftspublikationen aufgegriffen:

„Increased public access to research findings should be encouraged by publishers, academics and Government alike.“ (ebd., Absatz 40)

Ebenso findet sich eine informationsethische Argumentation sogar generell für das digitale Publizieren in der Wissenschaft: Forschende im globalen Süden (damals noch als „developing world“ bezeichnet) hätten dadurch deutlich bessere Zugriffsmöglichkeiten (ebd., Absatz 48). Der Aspekt der Publikationskosten wurde über gesonderte Free- bzw. Low-Cost-Modelle aufgegriffen. (ebd., Absatz 47, 162)

Repositorien als Ort des Self-Archiving

Die Gesamteinschätzung für das Jahr 2004 lautete: autor*innenfinanziertes Open Access scheint an sich tragfähig, benötigt aber weitere Umsetzungstests.  Ein Vorschlag für die Transformationszeit war, dass die Regierung britische Autor*innen dazu verpflichten könnte, ihre Artikel jeweils auf Plattformen ihrer Institutionen zu veröffentlichen.

Der zweite Open-Access-Schwerpunkt lag also auf dem Self-Archiving durch die Autor*innen bzw. deren begrenzte Motivation, in dieser Richtung aktiv zu werden. Als Anreiz wurden Mandate empfohlen. (ebd., Absatz 117) Als Ausnahme benannte man kommerziell relevante Forschungsergebnisse. (ebd.) Eine Ausnahme in die andere Richtung stellten „negative results“ dar, also Publikationen, die für die Journals nicht, für die Wissenschaftscommunitys jedoch umso stärker relevant wären:

„This accumulated body of material would be a useful resource for the scientific community. It could help to prevent duplication of research and, particularly in the field of clinical research, would be in the public interest.“ (ebd., Absatz 118)

Für die urheberrechtliche Herausforderung des Self-Archiving wurde auf den Weg hingewiesen, dass Autor*innen bis zur Entwicklung eines internationalen Copyright-Standards nur ein einfaches Nutzungsrecht bzw. eine Nutzungslizenz an die Verlage übertragen, ihr Copyright jedoch behalten sollten (ebd., Absatz 126). In dieser Frage sollten sie zudem durch eine in ihren Institutionen vorgehaltene Expertise direkte Unterstützung erhalten. (ebd., Absatz 127)

Die Kosten der Repositorien-Infrastruktur wurden im Verhältnis zum erwarteten Nutzen für die Forschung und die Allgemeinheit als gering eingeschätzt. (ebd., Absatz 130)

Die Repositorien sollten die Zeitschriften und Verlagsangebote keineswegs ersetzen. Vielmehr wurde eine auch aus heutiger Sicht interessante Arbeitsteilung angeregt: Repositorien sichern den Zugang und die Langzeitarchivierung (ebd., Absatz 1993), während sich Verlage auf Innovationen des digital geprägten Publizierens konzentrieren: 

„We see institutional repositories as operating alongside the publishing industry. In the immediate term they will enable readers to gain free access to journal articles whilst the publishing industry experiments with new publishing models, such as the author-pays model. (ebd., Absatz 143)

Autor-Pays-Modell des wissenschaftlichen Publizierens

Wie bereits angerissen, erfreute sich das über Gebühren finanzierte Publizierenden noch keiner uneingeschränkten Überzeugungskraft. Der Report des House of Commons hielt den Ansatz für prinzipiell geeignet, aber noch weiter zu beforschen. (ebd., Absatz 150, 159) Für die Finanzierung wurden Publikationsfonds angeregt. (ebd., Absatz 165, 166)

In einer im Rückblick interessanten Voraussicht betonte der Report die Bedeutung der Sicherung von wissenschaftlichen Qualitätsstandards, da ein gebührenfinanziertes Open Access auch Akteure motivieren könnte, weniger qualitätsgesicherte Journals anzubieten, ein Phänomen, das später als „Predatory Publishing“ für Schlagzeilen sorgen sollte. (ebd., Absatz 172) Um dem entgegenzuwirken, wurde allerdings nur das Modell einer Einreichungsgebühr („submission fee“) angeregt. (ebd., Absatz 174)

Für die erste Transformationszeit sprach sich der Report für eine testweise und gezielte Förderung des Author-Pays-Modells durch die Regierung aus. Damit sollten sowohl Autor*innen als auch Verlage zu einem Schwenk auf diesen Ansatz ermutigt werden. (ebd., Absatz 184)

Declan Butler zitiert Ian Gibson, Chair des Science and Technology Committee, der sich dazu noch einmal deutlicher äußert:

„The author-pays model needs more work; that’s why we are saying we shouldn’t go into it right away. We have to look at the possibilities and perhaps have a pilot scheme for a certain length of time“. (Butler, 2004)

Dies soll – „rabbit out of the hat“ – mit einer durch die Forschungsförderer ausgesprochenen Verpflichtung zur Online-Publikationen ergänzt werden. Unter anderem auch damit hoffte man eine bestimmte Wirkung bei den Publizierenden zu erreichen, denen, so zumindest die Einschätzung aus dem Jahr 2004, die Frage der Zugänglichkeit ihrer Publikationen eher gleichgültig zu sein schien, „as long as they get their work published“. (ebd.)

Open Access war bereits deshalb für die meisten keine Option, weil, so eine erwähnte Studie, zu diesem Zeitpunkt 82% der aktiven Forschenden gar nicht wussten, was das eigentlich ist. 

Quellen

  • Butler, Declan (2003): Who will pay for open access?. Nature 425, 554–555 (2003). https://doi.org/10.1038/425554a
  • Butler, Declain (2004): Britain decides ‘open access’ is still an open issue. Nature 430, 390 (2004). https://doi.org/10.1038/430390b
  • House of Commons Science and Technology Committee (2004): Scientific Publications: Free for all?. Tenth Report of Session 2003-04. HC 399-I Published on 20 July 2004 by authority of the House of Commons London: The Stationery Office Limited (PDF)