10.12.2021 | Ben Kaden

Museen digital und Open Access. Gedanken zu Open Access und Kulturdaten.

Die Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg betrachtet Open Access bisher weitgehend aus der Perspektive des wissenschaftlichen Publizierens. Das ist angesichts ihrer Ausrichtung nachvollziehbar, nach der sie den durchaus erheblichen Vernetzungs- und Beratungsbedarf in den Hochschulen des Landes auffängt. Denkt man Open Access aber in einem größeren Zusammenhang, sieht man unmittelbar die Potentiale, die über das klassische wissenschaftliche Publizieren hinausreichen. Offene Objektdaten werden, in die passende Form gebracht, bekanntlich schnell offene Forschungsmaterialien. Akademische Forschung, aber auch Bürger*innenwissenschaft, profitieren enorm von einem reichhaltigen und nachnutzbaren Angebot an digitalen Kulturdaten. Da überrascht es wenig, dass sich Museen zunehmend an dieser Stelle einbringen. Oder zumindest einbringen wollen. Sie digitalisieren Bestände und versuchen Zielgruppen über digitale Browserpräsentationen zu erreichen. Vermehrt findet man interaktive Angebote. Partizipation und Interaktivität sind die Schlagwörter der Stunde.

Nachnutzbarkeit und kulturelles Erbe

Für uns als Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg ist diese Entwicklung naturgemäß besonders dann relevant, wenn es um die digitale Nachnutzbarkeit in Forschungszusammenhängen geht. Die Voraussetzungen sind hier wie generell bei Open Access die Sichtbarkeit, die Verfügbarkeit und eine über Lizenzen abgesicherte Verwendbarkeit. Klingt einfach, ist in der Umsetzung und im Detail allerdings komplex. Für uns kommt hinzu, dass wir die Arbeitspraxis und Rahmenbedingungen der Museen im Land Brandenburg, die wir durchaus zu unserem erweiterten Kreis der Stakeholder*innen zählen, bisher wenig kennen. Wenn wir also wie am vergangenen Montag, den 6.12.2021, einer Veranstaltung des Museumsverbands des Landes Brandenburg e.V. mit der Themenstellung „Open Access – Offenheit im Umgang mit dem digitalisierten kulturellen Erbe“ besuchten, dann auch, um selbst etwas zu lernen.

Definitionen und Perspektiven

Eingeladen wurden wir allerdings, um Input zu geben und um darzulegen, wo wir generell Schnittstellen zwischen Museen, digitalisierten Museumsbeständen und Open Access sehen. Aus unserer Sicht gibt es eine ganze Reihe dieser Schnittpunkte, auch auf ganz elementarer Ebene. Genaugenommen erscheinen Museen nämlich in den meisten Fällen bereits aus ihrer institutionellen Logik heraus für Offenheit prädestiniert. Sie sind generell Zugangs-, Präsentations- und Vermittlungsinstitutionen. Sie adressieren eine weit gefasste Öffentlichkeit und stehen im Prinzip allen Interessierten voraussetzungsfrei zur Verfügung. Sie werden in vielen Fällen von öffentlichen Trägern unterstützt oder sogar komplett abgesichert. Oder, wie es die noch gültige Definition für „Museum“ des international council of museums (ICOM) formuliert:

„“A museum is a non-profit, permanent institution in the service of society and its development, open to the public, which acquires, conserves, researches, communicates and exhibits the tangible and intangible heritage of humanity and its environment for the purposes of education, study and enjoyment.”

ICOM Statutes: Museum Definition. Wien: 22nd General Assembly ICOM in Vienna, Austria, 24 August 2007.

In dieser Selbstbeschreibung finden sich zahlreiche Elemente, die ideal mit den Vorstellungen oder besser noch Idealen von Openness korrespondieren: der nicht-kommerzielle Ansatz des „non-profit“, der Dienst für die Gesellschaft und ihrer Weiterentwicklung, die öffentliche Zugänglichkeit und die langfristige Bewahrung und Verfügbarhaltung. Als Nutzungszwecke angegeben sind hier Bildung, Forschung und Freude, ein Aspekt der im akademischen Kontext von Open Access und Open Research leider eher selten benannt wird.

In der innerhalb der Museums-Community zu Diskussion stehenden neuen Definition für Museen ist die Freude leider auch nicht mehr derart prominent erwähnt. Die Anschlusspunkte zu Open Access werden dagegen fast noch deutlicher:

“Museums are democratising, inclusive and polyphonic spaces for critical dialogue about the pasts and the futures. Acknowledging and addressing the conflicts and challenges of the present, they hold artefacts and specimens in trust for society, safeguard diverse memories for future generations and guarantee equal rights and equal access to heritage for all people.
Museums are not for profit. They are participatory and transparent, and work in active partnership with and for diverse communities to collect, preserve, research, interpret, exhibit, and enhance understandings of the world, aiming to contribute to human dignity and social justice, global equality and planetary wellbeing.”

ICOM: ICOM announces the alternative museum definition that will be subject to a vote. In: icom.museum. 25.07.2019

Unübersehbar ist die grundlegend politischere Positionierung sowie eine Betonung von Inklusivität und, buchstäblich, Vielstimmigkeit. Weitere Aspekte neben dem Charakter der Gemeinnützigkeit sind Teilhabe und Transparenz und die verstärkte Betonung einer aktiven Auseinandersetzung mit Materialien, Objekten und ihren Bedeutungen. Der Aspekt der Freude lässt sich möglicherweise als unter „Planetary wellbeing“ eingeschlossen vermuten.

Anwendungsfälle

Viele Museum versuchen, diesen Ansprüchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Rechnung zu tragen. Besonders ausgeprägt scheint die Öffnung zur digitalen Aktivierung und Einbeziehung der Besucher*innen. Ein Beispiel aus Brandenburg ist die digitale Plattform des Museums „Utopie und Alltag“, das bereits aufgrund seiner Lokalisierung zwischen zwei Standorten, nämlich Beeskow und Eisenhüttenstadt, Lösungen für dynamische Sammlungspräsentationen finden muss. Da liegt ein Schritt ins Digitale nur nah. Entsprechend findet man eine Plattform namens „Museum Utopie und Alltag digital“ und darauf die programmatische Selbstbeschreibung:

„“Mit der Digitalisierung unserer Sammlung geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, selbst Geschichte und Erinnerungen an andere zu vermitteln. Wir wünschen uns einen regen Austausch, auch untereinander, über das Gestern, aber auch über das Heute und Morgen. Anhand dieser Erinnerungs-Impulse möchten wir nicht nur die gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart aktivieren”“

Museum Utopie und Alltag: www.utopieundalltag.de/digital . o.J.

In diesem Fall bleibt Open Access noch auf einen Aspekt, nämlich die aktive Teilhabe der Besucher*innen bezogen, die auf Objektebene eigene Geschichten beisteuern können. Offenheit betrifft hier also den offenen, objektbezogenen Diskurs.

Eine andere, erweiterte Perspektive auf die Chancen von Openness im Museumskontext boten Juliane Stiller und Violeta Trkulja in ihrer Präsentation „Open Access in Museen. Vorteile der Offenheit und wie Museen mehr Offenheit wagen können„.

Ihr Anwendungsfall war das Rijksmuseum in Amsterdam, das mit seinem Rijksstudio und seiner ausnehmend progressiven Rechtepolitik maximale Teilhabemöglichkeiten für seine zugegeben gemeinfreien und damit rechtlich unproblematischeren Bestände bietet. Die den Vortrag prägende Heraushebung von Aspekten wie Markenstärkung und Kosteneinsparungen sind möglicherweise nicht der Unique Selling Point für Open Access, der in der Open-Access-Community zuerst verfängt. Aber dies sind am Ende auch Effekte, die unter Umständen für Museen und ihre Träger eine Rolle spielen. Aus Sicht der Informationsethik und der ICOM-Definitionen wiegt vermutlich schwerer, dass die Öffnung der digitalen Bestandsobjekte für Nachnutzungen tatsächlich zu vielgestaltigen Verarbeitungen in Bildung, Forschung und kreativ-künstlerischer Auseinandersetzung führt. Entsprechend können wir zum Beispiel diesen wunderbaren Fantasievogel, der eigentlich eine Schnupftabakdose ist, aus der Sammlung des Hauses hier ohne Probleme als Illustration verwenden.

Snuifdoos in de vorm van een vogel, geëmailleerd met veelkleurige bloemen en met een tak op het deksel.. Rijksmuseum Amsterdam. http://hdl.handle.net/10934/RM0001.COLLECT.50415 . Lizenz: CC0 1.0

Herausforderungen

Nun mag das Rijksmuseum ein Musterbeispiel und Leitstern für die offene Bereitstellung von Sammlungsdigitalisaten sein. Für die meisten Museen wird dieser Weg aber nicht direkt gangbar sein. Allein schon die Ressourcenlage spricht dagegen. Dazu addiert sich, dass Digitalisierung mit dem Zweck einer Nachnutzung nichts ist, was nebenbei realisiert werden kann. Auch in den größten Häusern sind Digitalisierungsprojekte in der Regel Sondervorhaben, oft mit Drittmittelbezuschussung. Kleinere Häuser brauchen andere Lösungen. In vielen Fällen brauchen sie zunächst einmal sogar noch etwas anderes: Beratung und Kompetenzaufbau.

Wie komplex die Sachverhalte für eine Open-Access-taugliche Aufbereitung von Sammlungsgut sind, zeigte der dritte Vortrag der Veranstaltung. Marco Klindt vom Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin – digiS begann seine Präsentation zu den Lizenzierungs-Varianten von Creative Commons mit dem Disclaimer, dass er natürlich keinerlei rechtsverbindliche Hinweise geben kann, sondern das Thema der offener Lizenzen nur aus einer informativ-individuellen Interpretation präsentieren wird. Klingt bekannt? Jede*r, die/der sich zum Thema äußert, sichert sich so ab. Und zwar aus gutem Grund.

Darin zeigt sich zugleich bereits ein Grunddilemma der Sammlungsdigitalisierung. Das Urheberrechtsgesetz wurde einst für rein analoge Medienwelten geschaffen. Nachbesserung zu digitalen Aspekten waren häufig tatsächlich nur das: Nachträge. Die rechtliche Unsicherheit ist überall groß, denn die Passung zwischen digitaler Medienpraxis und rechtsverbindlichen Regelungen ist nach wie vor nicht besonders gut.

Creative Commons

Auch wenn die Creative Commons hier für einen gewissen Ausgleich sorgen, machen sie unser Leben nur ein Stück weit leichter. Sie sind nämlich auch nur teilweise einfach und unproblematisch anwendbar. In gewisser Weise lassen sie sich als Absichtserklärungen dahingehend verstehen, dass sie es Rechteinhaber*innen ermöglichen, zwei Dinge formalisiert auszudrücken: Erstens, dass selbige es wünschenswert oder zumindest akzeptabel finden, wenn die von ihnen veröffentlichen Inhalte nachgenutzt werden. Und zweitens, dass sie bestimmte Nutzungsformen bevorzugen und andere möglichst ausschließen wollen. Daher gibt es auch die Variationsbreite der ND (keine Bearbeitung), NC (keine kommerzielle Nutzung) und SA (Weitergabe unter gleichen Bedingungen). Alle drei sind miteinander und der Angabe BY, die eine Urheber*innennennung einfordert, kombinierbar.

Da im Zweifel eine Rechtsdurchsetzung bei eventuellen Verstößen aufwendig oder sogar unmöglich sein wird, raten Expert*innen in der Regel direkt von Kombinationsspielen ab. Wo Inhalte nicht gemeinfrei sind und daher nicht einfach mit einer CC0 gekennzeichnet werden können, wird CC-BY empfohlen. In der Laienübersetzung bedeutet das: Verwende meinen Inhalte wie du magst, aber schreibe bitte dazu, dass es mein Inhalt ist, den du verwendest. Möglich ist das den Museen jedoch nur, wenn sie entweder selbst Inhaber*innen der entsprechenden Rechte sind. Oder, wenn sie mit den jeweiligen Rechtinhaber*innen eine entsprechende Vereinbarung getroffen haben. Beides ist aufwendig und oft de facto unmöglich umzusetzen.

Aus diesem Grund werden wir vermutlich auch zukünftig sehen, dass große Teile der digitalisierten Bestände nicht unter einer freien Lizenz bereitgestellt werden. Umso wichtiger, dies vielleicht als Ergebnis der Diskussion zum Vortrag, ist, dass Museen freie Lizenzen dort verwenden, wo sie es können.

Brandenburgs Museen und die Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg

Das Urheberrecht als Herausforderung für Open Access und Open Science begegnet uns auch regelmäßig im Dialog mit den Bibliotheken. Creative Commons ist auch in vielen wissenschaftlichen Zusammenhängen nicht unbedingt die optimale Lösung. Aber, das muss man auch einräumen, es ist aktuell die beste Lösung, die wir haben. Diese Botschaft vermitteln wir regelmäßig im Austausch mit Bibliotheken und natürlich auch sehr gern im Dialog mit Museen. Angesichts unserer aktuellen Schwerpunktsetzung mit Zuschnitt auf die Hochschulen im Land zählen die Zweitgenannten momentan nur zu unseren mittelbaren Zielgruppen, auch wenn der Bedarf, wie sich zeigt, ebenfalls groß ist. Bei der strategischen Weiterentwicklung der Vernetzungs- und Kompetenzstelle sollte daher die Perspektive Open Culture bzw. Open GLAM insgesamt möglichst berücksichtigt werden.

Ein Kulturwandel zu mehr Offenheit ist notwendig integrativ und zwar nicht nur auf der Nutzungsebene selbst. Hinter den Portalen zur Objektpräsentation verbirgt sich bekanntlich all das, was aus medialer Sicht die Essenz digitaler Darstellung, Kommunikation und auch Forschung darstellt.: die Kompatibilität auf der Ebene der Metadaten und Formate, also im datentechnischen Bereich. Nur wenn Objektauszeichnungen standardisiert sind, kann das Potential von Linked-Data-Strukturen, semantischen Netzen und integrativen Retrievalsysteme für digitale Objekte überhaupt genutzt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die digitale Schnupftabakdosensammlung eines Museums oder wissenschaftliche Aufsätze handelt.

Open Access wird in Brandenburg gemacht

Wo also derartige übergreifende Fragestellungen des Open Access Museen und Wissenschaft gleichermaßen betreffen, werden wir als Vernetzungs- und Kompetenzstelle bereits jetzt eine integrativ bereitstehen. Open Access Brandenburg heißt, den in der Open-Access-Strategie des Landes beschriebenen Kulturwandel so zu gestalten, dass Brandenburg als Open-Access-Land optimal aufgestellt ist. Uns geht es dabei darum, dass alle Stakeholder*innen, uns eingeschlossen, wechselseitig voneinander lernen und Open Access gemeinsam gestalten und entwickeln. Die Open-Access-Strategie ist da sehr eindeutig: Open Access ist die Zukunft. Und wir wissen: Zukunft wird in Brandenburg gemacht.

Wenn Sie zur Strategieentwicklung zu Open Access in Brandenburg mit uns in Kontakt treten wollen, freuen wir uns sehr über Ihre Nachricht.