05.02.2026 | Team OA Brandenburg
Wie wirken Open-Access- und Open-Science-Strategien tatsächlich? Und was passiert in der Wechselbeziehung zwischen dem formulierten Anspruch und der wissenschaftlichen Realität? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung der Vernetzungs- und Kompetenzstelle Open Access Brandenburg (VuK) am 14. Januar 2026 in der Reihe Quo Vadis offene Wissenschaft in Berlin und Brandenburg.
Unter der Moderation von Ben Kaden von der VuK diskutierten Maike Neufend (Open Research Office Berlin), Jens Mittelbach (Universitätsbibliothek der Europa-Universität Viadrina), Malte Dreyer (Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen) über das Verhältnis von Policy-Prozessen, institutionellen Rahmenbedingungen und den Zielen des Kulturwandels.
Maike Neufend eröffnete die Diskussion mit der Perspektive einer Landesinitiative, die viel Erfahrung mit Strategiearbeit hat. Sie betonte, dass die Gestaltung von Open-Access-Strategien eine Aufgabe staatlicher bzw. landespolitischer Verantwortung ist. Open Access ist auf die gesamte Gesellschaft gerichtet und sollte diese auch entsprechend adressieren. Für die mit Open Access und Open Science befassten Professionals bieten Strategien insbesondere durch langfristige Ziele einen Orientierungsrahmen, der auch stabil bleibt, wenn es politische oder personelle Wechsel gibt.
Schon der Entstehungsprozess einer Policy ist, so die Aussage, Teil ihres Erfolges: Bereits in der Abstimmung beginnt der Kulturwandel, nämlich dadurch, dass Akteur*innen ein gemeinsames Verständnis entwickeln und Netzwerke entstehen.
Jens Mittelbach führte anschließend in die Entwicklung der Open-Science-Strategie an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder ein. Diese beruht auf drei Säulen – Open Access, Open Educational Resources und Forschungsdatenmanagement. Er beschrieb die Diskrepanz zwischen dem erklärten Transformationswillen und der wissenschaftlichen Praxis: „Die größte Hürde liegt in der gelebten Kultur.“ Zwar ist Open Access inzwischen als Begriff und Thema in der Wissenschaft etabliert. Doch die Frage der Umsetzung bleibt zentral – insbesondere mit Blick auf die Bezahlbarkeit wissenschaftlichen Publizierens. Hier müssten Hochschulen und Politik neue Lösungen finden, um Fehlentwicklungen in den Geschäftsmodellen der Verlage entgegenzuwirken.
Malte Dreyer wiederum blickte auf die Schwierigkeiten und Chancen von Policy-Arbeit an sich. Policys, so die Position, wirkten oft nur begrenzt. Es bleibt immer eine Lücke zwischen dem normativen Anspruch und der tatsächlichen Umsetzung. Doch das bedeutet kein Scheitern. Denn am Schnittpunkt von Anspruch und wissenschaftlicher Realität entsteht eine produktive Spannung. „Eine Policy wirkt dann, wenn sie Reibung erzeugt.“ Policys bieten daher Handlungsspielräume, die sich im Prozess anpassen lassen. Nach diesem Verständnis sind sie also eher Handlungs- und Kommunikationsrahmen als starres Programm.
Diese drei Perspektiven verbanden sich im anschließenden Gespräch zu einem gemeinsamen Nenner: Policys sind keine Endpunkte, sondern Gesprächsanlässe und fortlaufende Prozesse.
Jens Mittelbach plädierte dafür, die Diskussion um eine Policy selbst zum Bestandteil der Policy zu machen – etwa, indem der Text ausdrücklich zur Kommentierung und Weiterentwicklung einlädt. Policys sollten Diskurse ermöglichen, nicht ersetzen. Malte Dreyer stimmte zu und ergänzte, dass Policys grundsätzlich diskursoffen und auf eine Fortschreibung ausgerichtet sein sollten, etwa mit Ablauf- oder Revisionsdaten. So ergibt sich die Möglichkeit, Positionen regelmäßig zu überprüfen und im Zweifel anzupassen oder neu auszurichten.
Maike Neufend wies auf die Notwendigkeit persönlicher Netzwerke bei der Umsetzung hin. Im Vorfeld eine Policy gilt es, Netzwerke aufzubauen. Für die Umsetzung braucht es in den Hochschulen dezidierte Verantwortliche, zum Beispiel Open-Access-Beauftragte, die in die einzelnen Abteilungen und Fachbereiche wirken und als Schnittstellen agieren. Der Anspruch, alle betroffenen Akteur*innen in Policy-Entwicklungen einzubeziehen, ist unrealistisch. Verbindungspunkte, die einen fortlaufenden Austausch ermöglichen, sowie gegebenenfalls auch Fokusgruppen bei bestimmten inhaltlichen Schwerpunkten bieten sich stärker an. Interessant sind auch die Erfahrungen aus bisherigen Partizipationsangeboten für die Policy-Entwicklung. Es scheinen sich vorrangig bis ausschließlich Personen einzubringen, die bereits von vornherein am Prozess beteiligt sind.
Als inspirierendes Beispiel für eine Handlungsmotivation verwies Jens Mittelbach auf einen TED-Talk von Simon Sinek, der das Prinzip „Why – How – What“ betont: Der Ausgangspunkt liegt im „Warum“, nicht im „Wie“. Policys könnten demzufolge überzeugender werden, wenn sie nicht nur Handlungsanweisungen formulieren, sondern auch die hinter der Policy stehenden Motivationen vermitteln.
Malte Dreyer ergänzte, dass eine solche Überzeugungsarbeit für die Konzepte der Policys früh beginnen müsse. Denkbar ist sogar die Einbindung in die Lehre. Es sollte dabei allen Beteiligten von Beginn an bewusst sein, dass wissenschaftliche Entscheidungen immer auch politische Entscheidungen sind und Offenheit ein Grundbaustein wissenschaftlicher Verantwortung ist.
Georg Fischer, der bei der Berliner Landesinitiative ebenfalls an Strategieprozessen arbeitet, ergänzte, dass Policys Lösungen zu konkreten Problemen bieten sollten: Forschende engagierten sich dann, wenn sie Hilfe und Mehrwerte für ihren Arbeitsalltag finden. Open Access müsse also kein Mehraufwand, sondern eine Erleichterung sein.
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion galt der Rolle von Bibliotheken im Policy-Prozess.
Nach Ansicht von Malte Dreyer sollten Bibliotheken künftig stärker moderierende Aufgaben übernehmen – mit dem Mut, auch eigene Positionen zu vertreten und politische Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen. Georg Fischer fügte hinzu, dass Bibliotheken intern sehr unterschiedliche Selbstverständnisse haben: manche sind progressiv und innovationsfreudig, andere eher konservativ zurückhaltend. Für die Zukunft sei aber jeweils entscheidend, dass sie ihre eigene Position im Wissenschaftssystem bewusst gestalten.
Maike Neufend betonte, dass finanzielle Engpässe an Hochschulen sogar neue Handlungsspielräume eröffnen könnten – etwa durch gezielte Förderungen oder Umverteilungen. In jedem Szenario bleibt die Hochschulleitung ein entscheidender Faktor: Ohne ihren Rückhalt lassen sich kaum nachhaltige Veränderungen erreichen.
Jens Mittelbach erinnerte daran, dass Bibliotheken selbst politische Akteurinnen sind: Mit ihren Entscheidungen über Budgets und Lizenzierungen prägen sie die Publikationslandschaft und tragen so Mitverantwortung für bestehende Strukturen. Policys bieten ihnen die Möglichkeit, sich dafür institutionell zu positionieren und strategisch sichtbar zu werden.
Malte Dreyer merkte zur Frage der Verhältnisses zwischen Bibliotheken und anderen Akteuren in der Hochschule an, dass sich Policys und Policy-Prozesse hinsichtlich unterschiedlicher Ansprüche und Zielgruppen differenzieren lassen. Konsens herrschte dahingehend, dass die Bibliotheken in diesen Prozessen eine initiierende und steuernde Rolle einnehmen.
In der Schlussrunde brachte Anja Himpsl‑Zeltner von der VuK einen weiteren zentralen Aspekt in: Man dürfe bei der Policy-Entwicklung nicht bequem werden und einfach von vorhandenen Papieren abschreiben. Mutige, innovative Lösungen seien gefragt – und vielleicht auch unterschiedliche Ebenen von Strategien, die verschiedene Akteursgruppen gezielt ansprechen.
Malte Dreyer hob als persönliches Takeaway die „systemische Perspektive“ hervor, die erklärt, warum Veränderungsprozesse oft träger verlaufen, als man erwartet. Jens Mittelbach sah den eigentlichen Fortschritt schon im Diskurs selbst und sprach sich nochmals dafür aus, diesen in die Policy zu integrieren. Maike Neufend betonte die Bedeutung von Policys als Referenzpunkt für diejenigen, die die Entwicklungen zu Open Access und Open Science steuern und gestalten. Ben Kaden schloss mit der Beobachtung, dass der Prozess über die Policy mindestens ebenso wertvoll ist wie das fertige Dokument. Entsprechend ließ sich die Veranstaltung sogar selbst als lebhafter Ausdruck eines solchen Anliegens ansehen.
Die Diskussion zeigte eindrücklich: Policys wirken nicht nur durch ihre Ziele, sondern ebenso durch die Gespräche und Netzwerke, die sie ermöglichen. Der Weg zu einer offenen Wissenschaft führt über Beteiligung, Reflexion und kontinuierliche Aushandlung – ein Prozess, der ebenso relevant ist wie die jeweilige Fassung der Policy als Dokument.
[Hinweis: Der Bericht wurde unter Verwendung von KI-Werkzeugen erstellt und im Nachgang redaktionell bearbeitet.]