05.02.2026 | Ben Kaden

Open Access Takeaways: Open Science als Narrativ. Anmerkungen zu einer aktuelle Studie

Auch wissenschaftliche und metawissenschaftliche Diskurse beruhen auf narrativen Elementen: Überzeugungskraft entsteht durch prägnante Erzählungen, die Fakten und Selbstverständnisse verknüpfen. Transformationsbewegungen wie Open Access und Open Science adressieren von Haus aus politisch-kulturelle Räume und etablieren sich als kohärente „Geschichten“. 

In einem Beitrag im Journal of Trial and Error betrachtet nun Sheena F. Bartscherer vom Berliner Robert K. Merton Center for Science Studies grundlegende Topoi von Open Science als einer „erzählten Realität“. (Sheena F. Bartscherer: Cultures of Trial and Error: The Narrative Side of (Open) Science. In: Cultures of Trial and Error: a peer reviewed blog series on error correction in science. 02.02.2026. https://doi.org/10.36850/448e9a73-75b2) Die Arbeit stützt sich auf das DFG-Projekt Replication as a Social Movement: A Cartography of (international) Replication Initiatives in the Behavioral, Social, and Cognitive Sciences und im Sample auf 28 qualitative Interviews sowie die Analyse von 175 internationalen Replikationsinitiativen (RI). Im Fokus stehen also Positionierungsstrategien von Akteur*innen der so genannten Replikationskrise.

Sechs Subplots einer Erzählung

Die Autorin kumuliert sechs Subplots, die den diskursiven Erfolg der Bewegung prägen:

1 Open Science als „gute“ Wissenschaft. („Open Science as ‘good science’ that is fighting a corrupt system“)

These des Teilnarrativs: Das Wissenschaftssystem ist defizitär („broken“) und honoriert korrumpierende Praktiken. Open Science reformiert, indem sie anderen, besseren bzw. altruistischeren Werten verpflichtet bleibt.

2 Reform von unten (Graswurzel-Aktivismus) („Reformers are outsiders & Open Science is driven by grassroots activism“)

Die Veränderung entsteht bottom-up als Gegenbewegung aus der Basis. Die erzählenden Akteur*innen kritisieren und dekonstruieren Machtstrukturen und plädieren für den Aufbau alternativer Praktiken.

Die Autorin betont an dieser Stelle, dass die institutionelle Steuerung der Transformation dieses Narrativ mittlerweile faktisch relativiert.

3 Wissenschaftskrise und Open Science als Retter („Science is in crisis & Open Science will save it“)

Nach dieser Teilerzählung eskalieren die wahrgenommenen Defizite zu einer existentiellen Bedrohung für die Wissenschaft. Der Open-Science-Ansatz legitimiert Reformen durch Dringlichkeitsrhetorik und die Aussicht auf eine resilientere Wissenschaftsform.

4 Rückkehr zur „wahren“ Wissenschaft („Open Science as the correct way of ‘doing science’“)

Hier kommt es zu einer Gegenüberstellung einer idealen Wissenschaftskultur, teils als eine Art verklärte Vergangenheit , teils als Utopie einer „richtigen“ Wissenschaft, mit einer gegenwärtigen Form, die durch neoliberale Kommodifizierung und strukturelle und handlungsleitende Verzerrungen („Publish or Perish“, Metrik-Manipulation) geprägt ist. Die Funktion dieses Subplots ist die Selbst- und Zieldefinition bei gleichzeitiger Abgrenzung der reformorientierten Open-Science-Community von Fehlentwicklungen und Akteuren, die das System ausnutzen.

5 Open Science als „Slow Science“(„Open Science will foster a ‘slow science’ & increase its overall quality, democratisation, equity, inclusion, and sustainability“) 

Open Science verspricht eine Entschleunigung. Dies wiederum verspricht mehr Qualität, Fairness, Inklusion und Nachhaltigkeit – insbesondere mittels offener Daten und einer Aufhebung finanzieller Hürden für marginalisierte Forschende bzw. den Globalen Süden sowie eines durchlässigeren Austauschs zwischen Forschenden.

6 Menschliche Fehlbarkeit vs. technische Objektivität („Humans are the problem; standardisation & automation are the (mechanical) solutions“)

Dahinter steht die Annahme, dass viele Defizite der aktuellen Wissenschaft, insbesondere Missbrauch und Fehlverhalten, aus menschlichen Schwächen und Unschärfen resultieren. Es wird angenommen, dass mehr Automatisierung und Standardisierung helfen, solche Effekte einzuhegen und gleichzeitig in einer dem klassischen Positivismus nahestehenden Position eine Annäherung an eine „objektivere“ Wissenschaft zu stärken. Je transparenter und nachvollziehbarer, desto stärker wird der Anspruch an Reproduzierbarkeit eingelöst, so die Annahme. 

Einordnung: Konsistenz und Grenzen der Befunde

Ein interessante Beobachtung der Studie ist, wie sehr die Subplots in einer idealistischen Selbstpositionierung konvergieren: Die Akteur*innen sehen sich wertorientiert ein defizitäres System zu einem „besseren“ reformierend. Für Beobachter*innen der Open-Science-Bewegung kommt dies nicht unerwartet. Aber in der Kumulation wird der Befund der identifizierten Partikularerzählungen doch erstaunlich drastisch und zugleich verengt. Solche Muster riskieren Polarisierung (z. B. über binäre Antagonismen), Glaubwürdigkeitsverlust (bei zu idealisierter Selbstdarstellung) und begrenzte Adressat*innenbreite (durch die Reduktion komplexer Probleme auf Schlagwörter).

Allerdings ist auch zu berücksichtigen, dass sich das Sample auf Replikationsinitiativen bezieht, also einen besonders ausgerichteten Teil von Open Science. Inwiefern sich diese Muster auch ähnlich pointiert in anderen Bereichen von Open Science, also zum Beispiel Citizen Science oder Linked Open Data, finden, müsste separat beforscht werden. Gleiches gilt für das Setzen des Kriteriums der „Reproduzierbarkeit“ als quasi-universellen Maßstab für „gute“ Wissenschaft.

Narrative Strategien: Passgenauigkeit und Risiken

Dessen ungeachtet verweisen die Ergebnisse auf ein wichtiges Problem der Kommunikation von Open Science: Es gibt eine Abgrenzungs- und Zuspitzungstendenz in ihrer Leiterzählung, die in der Praxis vor allem nach innen wirkt und eine Gruppenbindung festigt. Nach außen wirkt sie zunächst hauptsächlich aufmerksamkeitsökonomisch. Mit ihren teils binären Antagonismen und der Dringlichkeitsrhetorik sorgt sie zweifellos für Aufsehen. Strategisch wirkt dies jedoch oft so, als würden dabei Kommunikationsmuster aus nicht-wissenschaftlichen Kontexten und Diskursen importiert. Die eigentlich erwartbare Reflexion dazu, wie gut und nachhaltig diese Kommunikationsstrategien tatsächlich zum Feld der Wissenschaft passen, scheint dagegen bestenfalls eine nachgeordnete Rolle zu spielen.

Während also zugespitzte Narrative effizient Aufmerksamkeit (und Widerspruch) generieren, bleibt die tatsächliche Gestaltungswirkung unklar. Eine vehemente Dramatisierung birgt außerdem Ermüdungs- oder Zurückweisungsrisiken, sobald sie mit individueller Wahrnehmung kollidiert. Open-Science- und Open-Access-Maßnahmen sind erfahrungsgemäß vor allem dann nachhaltig erfolgreich, wenn sie von den individuellen Wissenschaftler*innen als Mehrwert für die eigenen Arbeit wahrgenommen werden. Ein typisches Beispiel ist die Erhöhung der Reichweite und Sichtbarkeit über Open-Access-Publikationen. Generell bleibt die Erfolgsmessung des Einsatzes bestimmter Narrative ein diskursanalytisches Forschungsdesiderat. Sehr relevant wäre auf jeden Fall, zu erheben, wie diese Topoi bei Zielgruppen außerhalb der Replikationsinitiativen ankommen und deren Verhalten beeinflussen. Ein wichtiger Verdienst der Arbeit von Sheena F. Bartscherer ist, mit der Bestimmung der sechs Teilnarrative einen entsprechenden Eckpunkt für eine solche Forschung vorgelegt zu haben. 

Für die VuK als Open-Access-Landesinitiative mit einem in mehrfacher Hinsicht heterogenen Adressat*innenkreis (Hochschulstrukturen, Fachdisziplinen, Forschungskontexte, Publikationstypen) wäre so eine Forschung sehr nützlich. Denn wir stehen permanent vor der Herausforderung, die Kommunikation von Open Access und Anschlusspunkte mit Open Science auf eine Vielfalt von Disziplinen, Positionen und Strukturbedingungen anzupassen. Ein Erfahrungswert aus unserer Arbeit ist dabei, dass kompromisslose Zuspitzungsnarrative selten fruchten.

Ausblick: Ventilfunktion oder konstruktiver Hebel?

Eine dabei relevante Frage betrifft die prinzipielle Funktion von solchen Narrativen. Denkbar ist, dass die zugespitzten Erzählmuster auch eine Ventilfunktion übernehmen. Möglicherweise kanalisieren sie einen für die Protagonisten nicht anders ausdrückbaren Gestaltungs-, Veränderungs- und Wirkungswillen und / oder die Frustration darüber, diesen in den bestehenden Strukturen nicht umsetzen zu können. Auch hier liegt eine vertiefende diskursanalytische Anschlussforschung nah. Dass Narrative das Selbstverständnis und die Organisation von Wissenschaft bzw. wissenschaftlichen Communitys prägen, ist plausibel. Dass in Narrativen auch immer eine implizite pragmatische, also nicht primär deskriptive Ebene vorliegt, ebenfalls. Für die transformationssteuernde Kommunikation wäre es daher einerseits hilfreich, tiefere empirische Einsichten in diese Prozesse und ihre Wirkungen zu erhalten. Andererseits braucht es auch gestaltende Lösungen, um Logiken der Narrative und die der Wissenschaft gezielt und differenziert in Übereinstimmung zu bringen.