13.03.2026 | Team OA Brandenburg
[Hinweis: Der Bericht wurde unter Verwendung von KI-Werkzeugen erstellt und im Nachgang redaktionell bearbeitet. Bearbeitung: Evin Dalkilic, Ben Kaden]
Am 12. März 2026 fand im Rahmen der Reihe „Quo vadis offene Wissenschaft in Berlin und Brandenburg“ (2025/2026) eine vom Open Research Office Berlin veranstaltete Podiumsdiskussion zum Thema „Wie sollte eine faire Finanzierung von Open Access aussehen?“ statt.
Auf dem digitalen Podium diskutierten Juliane Finger (Open-Access-Beauftragte am Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft), Elena Di Rosa (Community and Library Outreach beim Verfassungsblog), Marcel Wrzesinski (Leiter Open Access und Publikationsdienste, Koordinator Berlin Universities Publishing an der Charité – Universitätsmedizin Berlin). Die Moderation übernahm Maike Neufend (Open Research Office Berlin).
Im Zentrum des Gesprächs stand die Forderung nach einer Transformation des Open-Access-Systems hin zu nachhaltigen, wissenschaftsgeleiteten Modellen und insbesondere Diamond Open Access. Ziel dieser Entwicklung ist, Abhängigkeiten vom kommerziellen Verlagswesen zu reduzieren, wobei die Entwicklung zuletzt durch Initiativen wie die DFG-geförderte Servicestelle Diamond Open Access SeDOA und das zur direkten Finanzierung und Evaluation wissenschaftlicher Zeitschriften aus dem Jahr 2025 geprägt wurde. Dazu kommt als Metaentwicklung ein genereller Kostendruck auf öffentliche wissenschaftliche Einrichtungen, wie er aktuell in Berlin besonders spürbar wird.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, wie eine faire Finanzierung von Open Access gestaltet werden kann und welche Rolle dabei insbesondere Diamond‑Open‑Access‑Modelle spielen. Ausgehend von der Beobachtung, dass sich seit den frühen DEAL‑Verträgen die Sprache von „Transformationsverträgen“ hin zu „Publish‑and‑Read“ verschoben hat, es also zu einer Art Normalisierung eines oft als problematisch gesehenen Ansatzes kommt, stellte Maike Neufend (Open Research Office Berlin) die Frage, ob und wie Fairness selbst zu einem Kriterium bei der Finanzierung von Open‑Access‑Publikationen werden kann.
Marcel Wrzesinski skizzierte zunächst zentrale Herausforderungen der aktuellen Transformationspfade: Die hohen Open‑Access‑Quoten in APC‑basierten Modellen seien zwar erreicht, das Modell selbst aber keineswegs als nachhaltig zu betrachten. Problematisch seien bei diesem Ansatz mehrere Punkte: die begrenzten finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Einrichtungen, die schleppende und teilweise ausbleibende vollständige Umwandlung hybrider Zeitschriften in Open Access, das stetige Ansteigen der Publikationskosten sowie der hohe administrative Aufwand, der mit der Abwicklung von APC‑Zahlungen verbunden ist.
Zugleich könnte der Kostendruck zum einem Sinken der Gold‑Open‑Access‑Publikationen und einem Anwachsen hybrider Modelle führen, was die strukturelle Schieflage verstärke.
Marcel Wrzesinski plädierte daher für mehr Kostentransparenz und ‑angemessenheit, etwa durch nachvollziehbare Kostenaufschlüsselungen, eine verursachergerechte Abrechnung sowie eine stärkere Kostensensibilität in den Organisationseinheiten. Zugleich warb er für eine gezielte Unterstützung fairer Infrastrukturmodelle jenseits von APCs und BPCs, etwa durch die Weiterentwicklung von Repositorien zu vollwertigen Publikationsinfrastrukturen.
Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde deutlich, dass steigende Publikationszahlen nicht zwangsläufig höhere Gesamtausgaben bedeuten müssen, sofern es gelingen kann, APC‑Niveaus zu senken und alternative Modelle auszubauen. APC‑finanzierte Journals bleiben für viele Forschende jedoch bereits aus Karrieregründen essenziell, sodass Marcel Wrzesinski differenzierte Anreizsysteme forderte, die je nach Fachkultur einen Umstieg auf Diamond‑Open‑Access‑Zeitschriften unterstützen und gleichzeitig die Bedeutung dieser Titel für Karrierewege berücksichtigen.
Zugleich wurde die verbreitete Kritik aufgegriffen, Diamond‑Modelle liefen über „versteckte Kosten“ in den Einrichtungen. Dem hielt er entgegen, dass es unterschiedliche, teils sehr transparente und wissenschaftsgeleitete Finanzierungsvarianten gebe und dass Umschichtungen hin zu Diamond Open Access, wie sie etwa im Kontext der Zukunft von DEAL diskutiert werden, einen wichtigen Hebel darstellen könnten.
Elena Di Rosa betonte aus der Perspektive des Verfassungsblogs, dass Kostentransparenz eine notwendige Voraussetzung für jede Diskussion über Angemessenheit ist, auch wenn Vergleichbarkeit zwischen sehr unterschiedlichen Publikationsformaten und institutionellen Kontexten nur begrenzt herstellbar sei. Transparente Kosten machten zumindest Bewertungsprozesse möglich und eröffneten Gespräche darüber, welche Preise in welchem Setting gerechtfertigt sind.
Gleichzeitig unterstrich sie, dass Diamond Open Access weit mehr als nur eine alternative Finanzierungsform darstellt: Diamond verschiebe die Publikationsmodelle insgesamt, löse sich von einer primär kommerziellen Ausrichtung, stärke die Rechte der Urheber*innen und eröffne lokalen und institutionellen Strukturen neue Gestaltungsspielräume.
Damit einher gehe die Notwendigkeit, an den Einrichtungen Strukturen aufzubauen, in denen Diamond‑Open-Access-Modelle und ihre Gestaltungsmöglichkeiten ausdrücklich thematisiert und als Ergänzung zu nationalen und zentralen Initiativen verankert werden.
Ein wiederkehrendes Thema war die Forschungsbewertung als Schlüsselfaktor für Publikationsentscheidungen. Agathe Gebert (GESIS) machte in der offenen Diskussionsrunde deutlich, dass Forschende nach wie vor unter erheblichem Druck stehen, in als Leitjournals wahrgenommenen Titeln zu publizieren, weil diese in etablierten Evaluationssystemen besonders stark karrierewirksam seien. Dies treibe Autor*innen in teure Journals und benachteilige wissenschaftsgeleitete, community‑getragene und Diamond‑Open‑Access‑Formate, denen trotz hoher Qualität häufig nicht dieselbe Reputation zugeschrieben wird.
Juliane Finger ergänzte, dass viele Forschende die Höhe von APCs zwar kritisch sähen, aber kaum Handlungsspielräume hätten, solange die Forschungsbewertung Veröffentlichungen in diesen Journals belohne und Karriereverläufe an entsprechenden Publikationen hingen. Reformen der Forschungsbewertung müssten deshalb international und systemisch ansetzen; rein regionale oder nationale Anpassungen reichten in einer globalisierten Wissenschaft nicht aus, um Diamond‑Journals in die Liga der Top‑Zeitschriften zu heben.
Marcel Wrzesinski sah in einer verursachergerechten Abrechnung einen Weg, nicht nur Budgets gerechter zu verteilen, sondern auch das Kostenbewusstsein bei Forschenden und Fachbereichen zu schärfen, etwa indem Bibliotheken Rückmeldungen über publizierte Artikel und dafür angefallene Kosten geben.
Elena di Rosa warnte gleichzeitig davor, die Herausforderungen der Forschungsbewertung als Vorwand zu nutzen, Diamond‑Modelle nicht schon jetzt aktiv zu stärken. Viele der existierenden diamond‑basierten Publikationsprojekte seien finanziell unsicher, und es brauche Forschung darüber, wie schrumpfende Budgets, die Wahrnehmung von Diamond Open Access als optionalem Zusatzangebot und die Notwendigkeit dauerhafter institutioneller Absicherung besser in Einklang gebracht werden können.
Zugleich sei die Entwicklung und Definition klarer Prozesse innerhalb der bestehenden Diamond‑Open‑Access‑Projekte – etwa bei der Kooperation des Verfassungsblogs mit etablierten Repositorien für die Archivierung – ein wichtiger Schritt hin zu Professionalisierung und Anerkennung..
Peter Kraker (Open Knowledge Maps) stellte in der offenen Diskussion die Reform der Forschungsevaluierung in einen größeren zeitlichen Kontext und zog Parallelen zur Entwicklung der Open‑Science‑Bewegung in den 2010er‑Jahren. Mit Initiativen wie CoARA sei mittlerweile eine kritische Masse erreicht. Es gebe inzwischen Unterstützung auf Leitungsebene und erste Operationalisierungsschritte, die auf langjährige Lobbyarbeit und community‑getriebene Interventionen zurückgingen.
Für die kommenden Jahre seien daher weitreichende Veränderungen zu erwarten, wobei die Kostenfrage zwar präsent bleibe, aber hinter die strategische Frage zurücktrete, wie faire Bewertungspraktiken als Hebel für ein anderes Publikationssystem genutzt werden können.
Im Kontext einer Diskussion um faire Finanzierung plädierte Peter Kraker zudem dafür, ethische Fragen stärker zu berücksichtigen, etwa ob Publikationsmodelle mit Akteuren entwickelt werden sollten, die mit politisch umstrittenen Institutionen kooperieren bzw. entsprechende Entwicklungen, wie wir sie derzeit in den USA sehen, fördern.
Mehrere Beiträge hoben hervor, dass die Aufgaben von Bibliotheken in diesem Zusammenhang weit über die Rolle von Finanzierungsstellen hinausgehen können. Agathe Gebert machte deutlich, dass Bibliotheken die Leitungen ihrer Einrichtungen aktiv auf Kostenentwicklungen hinweisen und dadurch politische Entscheidungen vorbereiten können. Sie könnten sich – etwa über Strategiepapiere, Förderprogramme oder Kooperationsprojekte – für wissenschaftsgeleitetes Publizieren stark machen und aufzeigen, wie Diamond‑OA‑Zeitschriften personell unterstützt oder gemeinsam mit Fachgesellschaften und neu erschlossenen Fächern, etwa aus Hochschulen für angewandte Wissenschaften, aufgebaut werden können.
Maike Neufend griff dies auf und fragte, ob es nicht Redaktionsstellen für Diamond‑Open-Access-Journals sowohl in Bibliotheken als auch in der Wissenschaft brauche, um diese Arbeit sichtbarer, planbarer und karriererelevant zu machen.
Marcel Wrzesinski befürwortete die Idee, redaktionelle Tätigkeiten als Teil regulärer Arbeitsprofile zu verankern und Mitarbeit in Diamond‑Open-Access-Journals als karriererelevante Aktivität anzuerkennen. Die Professionalisierung von community‑driven Publikationsstrukturen sei eine wesentliche Voraussetzung für deren breite Akzeptanz: Neben redaktionellen Prozessen, Lektorat und Gestaltung trete zunehmend der kompetente Umgang mit Künstlicher Intelligenz als neues Handlungsfeld hinzu. Nur wenn diese Prozesse professionell organisiert und sicht‑ sowie bewertbar würden, könnten neue Diamond‑Zeitschriften langfristig als vollwertige Alternativen zu etablierten, kommerziellen Angeboten wahrgenommen werden.
In der Diskussion um „faire“ Finanzierung stellte Maike fNeufend die Frage, ob es sinnvoll sei, zwischen „Fair Open Access“ und „Diamond Open Access“ begrifflich zu unterscheiden.
Elena di Rosa differrenzierte, dass sich Fair‑Open‑Access‑Modelle unabhängig vom Status „Diamond“ auf Strukturen beziehen, in denen nicht nur technische und unmittelbare Publikationskosten, sondern auch die personelle Arbeit und die Vermeidung prekärer Beschäftigung systematisch mitgedacht und ausfinanziert würden. Auch bei Diamond‑Open‑Access geht es nicht um eine „billige“ Lösung, sondern um eine, die die Gesamtheit der Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Publizierens – inklusive Arbeitsverhältnissen – in den Blick nimmt.
Dabei können die Unterstützungsbedarfe ganz unterschiedlich sein. Juliane Finger verwies auf eine Umfrage zu Finanzierungsbedarfen von Diamond-Publikationen, die im Rahmen von SeDOA durchgeführt wurde. Die große Spannbreite verdeutliche, dass diese individuellen Bedarfe in den Blick genommen werden müssen.
Juliane Finger knüpfte an aktuelle Initiativen wie das Scholar‑led‑Network an, das seit Jahren danach fragt, wo Aufwände und Kosten im Sinne fairer Infrastrukturen gebündelt werden können, etwa bei Layout‑Leistungen oder technischen Plattformen. Sie schlug vor, Fairness im Sinne gleicher Chancen für alle Publizierenden zu verstehen, unabhängig von institutioneller Zugehörigkeit und Zahlungsfähigkeit.
Der Begriff „Fair Open Access“ mache deutlich, dass bestimmte Ausprägungen von Open Access, namentlich große Transformationsverträge oder DEAL‑Modelle, nicht unbedingt fair seien, da bei ihnen beispielsweise nur jene profitieren, die einer zahlenden Institution angehören.
Diamond‑Open‑Access erscheine demgegenüber tendenziell fairer, weil es Barrieren für Autor*innen abbaue, doch sei nicht jede faire Lösung automatisch Diamond – hybride Mischformen oder andere Modelle könnten ebenfalls Fairnesskriterien genügen.
Mit Blick auf die Frage, wie eine Diamond‑Open-Access-Transformation finanziell getragen werden kann, forderte Marcel Wrzesinski ein klares politisches Bekenntnis zu wissenschaftsgeleiteten Publikationsstrukturen. Neben symbolischer Unterstützung brauche es gemeinsames, möglichst breit gestreutes finanzielles Engagement, das nicht auf viele kleinteilige Einzelmaßnahmen setze, sondern vor allem grundlegende Infrastrukturen und Plattformen stütze. Statt einzelne Zeitschriftentitel mit kleinen Beträgen zu fördern, sei es wirksamer, groß angelegte, kooperative Strukturen mit anteiligen Finanzierungsmodellen zu etablieren, die unterschiedliche Einrichtungen in die Verantwortung einbinden. Kleinformatige Projekte liefen sonst Gefahr, sich im Tagesgeschäft aufzureiben, ohne das System in der Tiefe zu verändern.
In der abschließenden Runde unterstrich Elena di Rosa, dass Debatten um Begriffe wie „fair“, „diamond“ oder „wissenschaftsgeleitet“ selbst ein positives Zeichen seien, weil sie auf eine breite Auseinandersetzung mit den strukturellen Fragen des Publizierens hinwiesen. Es gehe weniger darum, kurzfristig ein Standardmodell zu definieren, als vielmehr darum, eine Vielfalt fairer Lösungen zu ermöglichen, die unterschiedlichen Publikationsprozessen, disziplinären Kulturen und institutionellen Rahmenbedingungen gerecht werden. Neue Ansätze sollten nicht als fertige „Out‑of‑the‑Box“-Pakete verstanden werden, sondern als Modelle, die in enger Kopplung an wissenschaftliche Praxis und community‑basierte Experimente weiterentwickelt werden.
Maike Neufend schloss die Veranstaltung mit der Betonung, dass Impulse für faire Finanzierung aus der Forschung selbst kommen müssten und dass es Aufgabe von Infrastruktureinrichtungen und Bibliotheken sei, diese Entwicklungen anzuregen, zu begleiten und strukturell abzusichern.